Mindelheimer Polizei klärt auf

Verkehrsstatistik: Unfälle im Unterallgäu werden weniger, Schwerverletzte und „Geisterradler“ mehr

Unfallstatistik Unfall Autounfall
+
Die Verkehrsunfälle im Unterallgäu sind 2020 im Vergleich zum Vorjahr weniger geworden. Dennoch gab es mehr schwere Verletzungen.
  • Marco Tobisch
    vonMarco Tobisch
    schließen

Mindelheim/Unterallgäu – Mehr Menschen, die das Auto in der Garage stehen lassen und stattdessen das Fahrrad nehmen, fördern unser Klima. Dass im Coronajahr viele Unterallgäuer vermehrt auf zwei Rädern unterwegs waren, schlägt sich aber auch in der Unfallstatistik der Polizei nieder: Denn entgegen des Trends, dass die Verkehrsunfälle im Landkreis Unterallgäu 2020 weniger wurden, stieg die Zahl an Fahrradunfällen an.

Das vergangene Jahr war bekanntlich das Jahr des Heimat­urlaubs: Auch im Unterallgäu trieb es die Menschen an die frische Luft und dabei häufig auch aufs Fahrrad. Was die Polizei dabei beobachtet hat: Viele scheinen plötzlich, obwohl sie selbst Besitzer eines Autoführerscheins sind, die Regeln im Straßenverkehr vergessen zu haben. 175 Fahrrad­unfälle, bei denen übrigens meistens die Radler selbst die Verursacher waren, hat die Polizei im Unterallgäu gezählt –14 Prozent mehr als im Vorjahr. Großes Problem unter anderem, wie Jochen Lucas, bei der PI Mindelheim fürs Thema Verkehr zuständig, vorstellte: sogenannte „Geisterradler“, die zwar den Fahrradweg benutzen aber eben auf der entgegengesetzten Fahrbahn. Als eines der vielen Beispiele nannte Lucas dazu einen Unfall vom November letzten Jahres, als ein 26-Jähriger in der Allgäuer Straße „falsch rum“ fuhr. Eine Frau, die aus einem Supermarkt-Parkplatz ausfahren wollte, sah den Radfahrer spät und legte gerade noch eine Vollbremsung hin. Der 26-Jährige erschrak, stürzte und verletzte sich schwer.

Jochen Lucas von der PI Mindelheim stellte am gestrigen Donnerstag die Verkehrsunfallzahlen 2020 im Landkreis Unterallgäu vor. Handlungsbedarf sieht er insbesondere beim Thema Radverkehr.

Überhaupt seien laut Lucas das Ein- und Ausfahren oder Fehler beim Abbiegen Verkehrsunfall­ursache Nummer eins – gefolgt von zu wenig Sicherheitsabstand, nicht angepasster Geschwindigkeit und Verstößen gegen das Rechtsfahrgebot – etwa, wenn man zu nah am Gegenverkehr vorbeifahre und der „Spiegel kaputt geht“, so Lucas.

Auch an den schweren Unfall eines älteren Autofahrers, der letztes Jahr angesichts der Sichtverhältnisse zu schnell unterwegs war, erinnerte der Polizist. Denn auch hier waren zwei Fahrradfahrer involviert, die beide zu den 158 Schwerverletzten des letzten Unterallgäuer Verkehrsjahres zählten: Zwischen Mindelheim und Mattsies war die Sonne an einem späten Maiabend offenbar tief gestanden, der 86-jährige SUV-Fahrer hatte die beiden Radler (62 und 64 Jahre alt) zu spät gesehen. Die beiden Radfahrer, die beide keinen Helm trugen, kamen nach ihrem Sturz ins Krankenhaus. Gegen den 86-Jährigen wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt, weil er laut Polizei trotz schlechter Sicht nicht langsamer gefahren war.

Zwölf Todesfälle

In Summe hat sich die Zahl der Verkehrsunfälle um mehr als zehn Prozent verringert. Bei den insgesamt 3.428 Unfällen im Unterallgäu verstarben zwölf Personen – davon vier Auto-, drei Motorrad und zwei E-Bike-Fahrer sowie drei Fußgänger. Auch Schwerverletzte (158) gab es mehr als im Vorjahr (136). Häufigste Ursache war dabei ganz deutlich zu schnelles Fahren.

Jochen Lucas durfte aber auch zahlreiche positive Entwicklungen mitteilen: Unfallfluchten, von denen wie im Jahr zuvor im Unterallgäu fast jede zweite aufgeklärt wurde, gingen um 25 Prozent zurück, im Bereich der PI Mindelheim sogar um 36 Prozent. Die 61 Unfälle, bei denen der Fahrer alkoholisiert war, spiegeln zumindest das Bild des Vorjahres wieder – wobei Lucas betonte, der Fasching oder Feste seien bei dieser Zahl nicht ausschlaggebend, denn dort werde der Fahrer für eine Gruppe in der Regel vor der ersten Bierrunde bestimmt. Auffälligkeiten gebe es deshalb in diesem Bereich keine. Unfälle nach Drogenkonsum (meist THC) gab es im Unterallgäu vier (2019: sechs), Schulwegunfälle fünf (2019: drei).

Wer die drei größten Temposünder waren

Eine Auswertung legte die Polizeiinspektion Mindelheim zudem zu ihrer Verkehrsüberwachung vor. Insgesamt 153 Stunden hatten die Mindelheimer Beamten im letzten Jahr mit dem Laser bei Wind und Wetter an der Straße verbracht, drei Viertel dieser Stunden außerorts. Das Podium der größten Verstöße: Spitzenreiter war ein 20-jähriger Audifahrer, der zwischen Helchenried und Mindelheim mit 167 km/h gemessen wurde. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Autofahrer, die mit 159 km/h bei Erkheim bzw. mit 141 km/h auf der alten B18 bei Mindelheim gemessen wurden. In allen drei Fällen wären 100 km/h das Limit gewesen. Für sie sowie für elf weitere Verkehrsteilnehmer, die die PI Mindelheim im letzten Jahr „gelasert“ hatte, gab´s ein Fahrverbot. Zudem hatten die 153 Messstunden 113 Bußgeldanzeigen sowie 250 Verwarnungen mit Verwarnungsgeld zur Folge.

Ferner deckte die PI Mindelheim im letzten Jahr bei ihren Kontrollen 69 Alkohol- sowie 21 Drogenfahrten auf. In 368 Fällen musste eine „Ablenkung im Straßenverkehr“, etwa bei Handybenutzung, sanktioniert werden.

Wildunfälle gab es im Landkreis wie in den Jahren zuvor rund 1.200 – sie lagen somit „gleichbleibend auf hohem Niveau“, wie Jochen Lucas sagt. Die meisten Wildunfälle passierten zwischen 6 und 8 Uhr bzw. am späten Abend ab 21 Uhr. Lucas betont dabei auch die Gefahr für die Autofahrer: „Bei einer stattlichen Wildsau ist selbst ein Land Rover nicht mehr fahrtauglich.“

Radler mehr im Fokus

Welche Schlüsse die Mindelheimer Polizei aus dem Verkehrsjahr 2020 zieht? Das sei gar nicht so einfach, meint Lucas, denn durch Corona und die Lockdowns hätten sich die Bürger „anders bewegt“ und dabei viele auch das Rad für sich entdeckt. Auf Radfahrer wolle man heuer einen gezielten Blick werfen und bei Verstößen auch zur Kasse bitten. Um die Unfallzahlen wieder zu senken, appelliert Lucas insbesondere an Fahrradfahrer, künftig auf der richtigen Straßenseite zu fahren und sich so zu verhalten, wie man es sich selbst als Autofahrer auch wünschen würde.

Marco Tobisch

Auch interessant

Meistgelesen

Neues Freibad, neue Preise: Mindelheim beschließt Gebührenerhöhung in Bädern
Neues Freibad, neue Preise: Mindelheim beschließt Gebührenerhöhung in Bädern
Zusätzliches Kontingent: Sonder-Impfaktion am Wochenende in Memmingen und dem Unterallgäu
Zusätzliches Kontingent: Sonder-Impfaktion am Wochenende in Memmingen und dem Unterallgäu
Jahresabschlussfeier Markt Wald: Viele Baustellen und das Marcktfest bleiben in Erinnerung
Jahresabschlussfeier Markt Wald: Viele Baustellen und das Marcktfest bleiben in Erinnerung

Kommentare