Automobilsicherheitsexperten bei der Feuerwehr Bad Wörishofen

Herausforderung für Einsatzkräfte wächst täglich

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Im Foyer des Kurhauses und davor hatten die Wörishofer Floriansjünger ein paar Beispiele aufgebaut, die im Vortrag zur Sprache gekommen waren. Auch das Retten einer verletzten und übergewichtigen Person aus dem Obergeschoss wurde dargestellt.

Bad Wörishofen – Zum dritten Mal war die Freiwillige Feuerwehr Bad Wörishofen Gastgeber für Fachvorträge, die der Kreisfeuerwehrverband organisiert. Heuer begrüßten Kommandant Peter Eichler und Bürgermeister Paul Gruschka den Einsatzleiter der Eisenbahnkatastrophe in Bad Aibling als Redner, ebenso den Ingenieur Volker Sandner vom ADAC, der sich mit Automobilsicherheits­technik befasst.

Was haben ein Personenkraftwagen aus den 1970 oder 80-iger Jahren und einer Baujahr 2018 gemeinsam? Überspitzt gesagt, den Namen. Moderne Autos verfügen über eine Vielzahl von Sicherheitssystemen, um die Insassen zu schützen: Airbags, Sicherheitsgurte, Rückhaltesysteme und eine verstärkte Fahrgastzelle für den Fall eines Überschlags. Und als ob das allein nicht Herausforderung genug wäre, kommen neue Energieformen dazu, die unsere Autos antreiben, Strom, Gas, Wasserstoff.

So berichtet die Feuerwehr der Kneippstadt von einem Unfall Anfang November: da ging bei Ettringen ein Auto mit Hybridantrieb in Flammen auf. Der Fahrer konnte sich gerade noch retten. Weil auch die Batterien des alternativen Antriebs Feuer fingen, dauerten die Löscharbeiten besonders lange. Für Aufsehen sorgte auch der Überschlag eines Peugeot 207 CC, ein Cabrio mit festem Dach. Versuche, die A-Säule, also an der Frontscheibe, mit hydraulischem Schneidwerkzeug zu durch­trennen, schlugen fehl. Anstatt dass sich die Schere durch den Stahl fraß, brach eine der beiden Klingen ab; bei einem herkömmlichen Cabrio hätte man das Stoffverdeck durchdringen können, so Volker Sandner in seinem Vortrag. Das Stahldach des Peugeot ließ sich nach dem Crash auch nicht mehr bewegen, die Stromzufuhr fehlte.

Für Sandner sind die Schadensbilder nichts Neues, wohl aber die Herausforderung, die sie für die Rettungskräfte darstellen. Sandner arbeitet am ADAC-Technik Zentrum in Landsberg. In seinem gut zweistündigen Vortrag ging er nicht nur auf die Geschichte der Unfallforschung ein, sondern zeigte auch, wie der ADAC zusammen mit seinen Partnerorganisationen rund um den Globus Fahrzeuge und ihr Verhalten bei Unfall testet. Dabei versteht sich der Automobilclub auch als Verbraucherschützer, testet etwa die Qualität der Fahrzeuge namhafter Hersteller in Schwellenländern wie in Südamerika, wo weit weniger Vorschriften Autofahrer und Firmen gängeln.

Im Zuge ihrer Arbeit haben die Tester von ADAC ein neues Gebiet im Bereich der Unfallforschung erschlossen. Es könne doch nicht sein, dass das Bundesamt für Straßenwesen BASt nur an zwei Standorten Unfallforschung betreibe angesichts vieler Millionen Fahrzeuge auf den Deutschen Straßen, so Sandner. Daher wertet man beim ADAC mittlerweile auch reale Verkehrsunfälle aus, die mit Hilfe der Rettungshubschrauberbesatzungen in ganz Deutschland und mittlerweile auch in Österreich gesammelt werden. Die anfliegenden Gelben Engel machen Luftfotos und dokumentieren den Unfall. Zusammen mit den Unterlagen der Exekutivbehörden lassen sich dann sehr viel weitergehende Rückschlüsse auf den Crash und das Verhalten des Fahrzeugs, aber auch die Ursachen, ziehen.

In seinem Vortrag ging Sandner auf die gestiegenen Anforderungen an die Hersteller ein, die ein Fahrzeug für eine Klientel von 18 bis 85 Jahren bauen müssen – Fahrer, deren körperliche Performance von topfit bis schon etwas gebrechlicher reicht, was sich in den Verletzungen bei einem Unfall widerspiegelt. Entsprechend müssen die Fahrzeuge beim Aufprall Energie absorbieren, damit auch eine ältere Person daraus ebenso unverletzt herauskommen kann wie ein junger Fahrer.

Angesichts dessen müssen aber die Rettungskräfte mit einer Vielzahl von Materialien zurechtkommen. Schon lange nicht mehr bestehen moderne Autos nur aus Stahl und sogar Hohlräume werden inzwischen ausgeschäumt, damit das Blech nicht mehr einfach einknicken kann. Ein Thema ist dabei auch die neue Fahrzeugklasse SUV – umso mehr, wenn man etwa einen Audi Q7 gegen einen Fiat 500 antreten lässt: wo beide bei einem Aufprall gegen eine Brücke etwa ihre Insassen maximal schützen können, lässt der Geländewagen dem Unfallgegner im Kleinwagen keine Chance. Ähnlich sieht es aber auch beim Test SUV gegen Fußgänger oder Motorradfahrer aus.

Eine neue Herausforderung sind die Fahrzeuge mit alternativen Antrieben. Wo ein Verbrenner mit entsprechendem Tank relativ einschätzbar und vor allem sein Verhalten vorhersehbar war, müssen die Feuerwehren wie im Fall Ettringen mit neuen Probleme kämpfen: Batterien, die nicht gelöscht werden können, die Löscharbeiten verzögern oder im schlimmsten Fall erst Stunden oder Tage später sich selbst entzünden. Aber allein die Art und Weise, wie Batterien verbaut werden und dadurch entsprechend geschützt werden müssen, sorgt für ein komplettes Umdenken bei den Herstellern. Ein Umdenken in der Konstruktion, in die sich auch die Feuerwehren einfinden müssen, um die Insassen eines verunfallten Hybrid- oder Elektroautos befreien zu können. Aber auch Verbrennungsmotoren, die statt Benzin Gas oder Wasserstoff schlucken, müssen getestet und ihr Verhalten beobachtet werden. Bis hin zu dem Punkt, wo ein Fahrzeug vorsätzlich angezündet wird, damit man das Verhalten des Gastanks etwa im Brandfall beobachten kann.

Über all diese Punkte sprach Sandner in aller Deutlichkeit und zeigte auch Worst-Case-Szenarien auf. Informationen, die die Feuerwehrangehörigen, die aus dem Unterallgäu sowie benachbarter Städte im Ostallgäu angerückt waren, mit Begierde aufsogen, um daraus für künftige Einsätze lernen zu können. Lernen aus den Erfahrungen ihres Kollegen sollten sie aber auch, deshalb beinhaltete der zweite Teil des Vortragsvormittags einen Bericht von Wolfram Höfler, dem Einsatzleiter der Feuerwehr beim Zug­unglück in Bad Aibling vor zwei Jahren, als auf einer einspurigen Strecke zwei Züge frontal ineinander gekracht waren.

Was ist noch zumutbar?

Höfler brachte dabei eine Zusammenfassung aus Sicht des Einsatzleiters und ging auf Aspekte ein wie dem, ob andere Hilfsorganisationen von den gemachten Erfahrungen profitieren können. Eine der wichtigsten Fragen war auch, was man als Einsatzleiter den eigenen Einsatzkräften zumuten kann, psychisch wie auch physisch. Dies unter dem Gesichtspunkt, dass zumeist ehrenamtliche Retter vor Ort sind, die einerseits Szenarien wie in Bad Aibling maximal aus dem Fernsehen kennen. Aber auch der körperliche Aspekt einer Gefahrenlage, die sich über Stunden hinzieht und bei der volle Konzentration und Aufmerksamkeit gefragt sind.

Für den Bad Wörishofer Kommandanten war es in seinen Worten wichtig, dass man von der Erfahrung der anderen profitieren könne. Etwa beim Vollbrand eines Carports, den man mit einem B-Rohr unter Kontrolle habe bringen können. Dabei, so Echtler, habe man vom Vortrag aus dem vergangenen Jahr und den Erfahrungen von Jan Südmersen profitieren können. Der Ingenieur bei der BF Osnabrück hatte über besondere Brandlagen gesprochen, wie man sie erkennen könne und wie man dabei vorgehen müsse. Auch die Partner von Polizei, viel mehr aber des Technischen Hilfswerks, verfolgten die Ausführungen der Referenten.

Oliver Sommer

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