Hochwasser verlangt Solidarität

Wasserwirtschaftsamt setzt Überschwemmungsgebiete im Bereich Türkheim fest

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Die Wertach bei Irsingen südlich von Türkheim. Wo der gestaute Fluss derzeit träge dahinfließt, wälzen sich bei Hochwasser Tausenden Liter Wasser durch das Flussbett.

Türkheim – Angesichts der zuletzt doch heftigen Niederschläge hat das Thema, mit dem sich der Marktgemeinderat Türkheim beschäftigen musste, durchaus Aktualität. Es ging um die Veröffentlichung der „Festsetzung des Überschwemmungsgebietes an der Wertach“ im Bereich Türkheim. Dabei wurden die Gemeinderäte über die Gebiete informiert, die als Retentionsfläche für künftige Hochwasser vom Wasserwirtschaftsamt in Kempten ausgewiesen wurden. Ein Einspruch gegen die Pläne ist nicht möglich, insbesondere, nachdem es auch zu Einschränkungen für die Grundstückseigner kommt. Hier müsse man mit den Besitzern solidarisch sein, merkte Peter Ostler an.

Die jüngsten Hochwasserereignisse dürfte jeder Wertachanrainer wohl nur allzu gut noch im Kopf haben. Wenn nach Stark­regenereingissen, zusammen mit der Schneeschmelze oder sonstigen ungünstigen Gemengelagen, die Pegel der Bäche und Flüsse ansteigen und die Wassermassen über die Ufer treten und Ackerflächen, Kulturland und Siedlungen unter Wasser setzen, herrscht nicht nur dort Land unter. Auch die zuständigen Stellen beim Wasserwirtschaftsamt und dem Katastrophenschutz sind dann gefragt – vor allem in der Voraussicht, solchen Zuständen künftig durch entsprechende Planungen abzuhelfen, da man entlang der Wasserläufe auch mit bestimmten Hochwasserereignissen rechnen muss. Deshalb auch müssen die Länder entsprechend dem Wasserhaushaltsgesetz in Risikogebieten Flächen vorhalten, um Hochwasser zurückhalten zu können. 

So geht man beispielsweise beim HQ100 von einem alle 100 Jahre auftretenden Hochwasserereignis aus mit entsprechenden Wassermengen, auch ein 500-jähriges und ein 1.000-jähriges Hochwasserereignis gibt es in den Planungen. Je seltener die Ereignisse auftreten, desto größer werden dabei die Wassermassen, die sich durch die Flussbett stromabwärts wälzen. Im Falle der Wertach geht man bei einem HQ100, also einem Hundertjährigen Hochwasser, von 370 Kubikmeter Wasser aus, die pro Sekunde durchfließen. Zum Vergleich: bei einem herkömmlichen Wasserhahn fließen maximal 20 Liter oder 0,02 Kubikmeter pro Sekunde ins Waschbecken. Entsprechend führt die Wertach bei einem statistischen Hochwasser bis zu 2.500 volle Badewannen mit sich (pro Sekunde!). Etremhochwasser werden mit bis zu 520 Kubikmeter pro Sekunde angegeben, auch ein mittleres, alle zehn Jahre auftretendes Hochwasser würde über 200 Kubikmeter Wasser liefern. Auf den Zusatz der statistische Wahrscheinlichkeit verweist auch das nun publizierte Werk des Wasserwirtschaftsamtes, denn theoretisch können Hochwasser­ereignisse auch mehrfach in diesem Zeitraum auftreten.

Bestandsschutz

Mit dem vorgelegten Papier sollen nun die Flächen definiert werden, die künftig als Rückhalte- oder Retentionsflächen für Hochwasser angesehen werden. Dabei ändert sich außer auf dem Papier nichts am Zustand der, im Falle der Wertach, zumeist Grünland- und Ackerflächen, aber auch Waldgelände, Auwald und Siedlungsfläche. Es gebe, so Christian Kähler, der beim Wasserwirtschaftsamt nachgefragt hatte, einen Bestandsschutz für Gebäude, etwa landwirtschaftliche Unterstände oder Scheunen. Künftig wird aber das Amt bei einem geplanten Neubau mitreden, beeinflussen doch Bauwerke den Wasser(ab)fluss. Auch sollen die Überflutungsflächen generell frei gehalten werden von Bebauung, um ihrer Funktion nachzukommen. Mit der Ausweisung dieser Flächen, etwa südlich der BAB 96 zwischen der Autobahn und dem Flusslauf, sollen Schäden in bebauten Gebieten verringert oder vermieden werden, heißt es in der Zielsetzung des vorgelegten Papiers. Entsprechend aber gibt es auch keine Entschädigung für die Grundstückseigner, wenn deren Ernte beispielsweise bei einem Hochwasser zerstört wird. Auch dürften die Prämien für Versicherungen, die diese Schäden abdecken, ansteigen. Entsprechend, so hatte sich Peter Ostler in der Sitzung zu Wort gemeldet, müsste die Gemeinde solidarisch die Grundstücksbesitzer – oder im Falle einer Verpachtung die Bauern – entschädigen. Immerhin würden sie mit ihrer Parzelle dafür sorgen, dass etwa der Ortskern Türkheims nicht unter Wasser steht.

Ein Punkt, bei dem Kähler ihm beipflichtet und an Simulationen erinnerte, wo das Hochwasser, etwa bei einem HQ 500, das Gymnasium oder aber eben den Ortskern fluten würde. Anders sähe die Situation aus, sagte auch Kähler, wenn man eigens Hochwasserüberflutungsgebiete ausgewiesen hätte, und diese über Abkauf oder Enteignung aus dem Verkehr genommen hätte. So wird auch im Papier darauf hingewiesen, dass es sich bei den geplanten Reten­tionsflächen um solche handle, die schon bei bisherigen Hochwassern unter Wasser gestanden hatten. Wörtlich handelt es sich „nicht um eine behördliche Planung sondern um die Ermittlung und Darstellung einer von Natur aus bestehenden Hochwassergefahr“. So endet auch die Veröffentlichung, die in erster Linie zur Kenntnisnahme der Gemeinden und Grundstücksbesitzer dient, mit den Rechtsfolgen und Ausgleichsmaßnahmen.

Oliver Sommer

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