Weltagrarbericht: Radikale Umkehr ist nötig und möglich

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ortrag von Benedikt Haerlin in Mattsies Mattsies/Unterallgäu (wk): »Weiter wie bisher ist keine Option«, so fasste Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft die Kernaussagen des Weltagrarberichts vor rund 120 Zuhörern zusammen, die Ende Februar zu der von AbL, BDM, BN, Bioring Allgäu, Bioland und Biokreis getragenen Veranstaltung ins Gasthaus »Schafhäutl« nach Mattsies gekommen waren. Der Weltagrarbericht, ein internationaler Prozess, an dem über 500 Wissenschaftler der unterschiedlichsten Fachrichtungen weltweit mitgearbeitet habe , wurde 2003 von Weltbank und UNO initiiert, nach dem Konsensprinzip verabschiedet und 2008 der Öffentlichkeit vorgestellt. Die zentrale Frage dieser Studie lautet: »Wie können wir durch die Schaffung, Verbreitung und Nutzung von landwirtschaftlichem Wissen, Forschung und Technologie Hunger und Armut verringern, ländliche Existenzen verbessern und gerechte, ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung fördern?« Erstmals waren bei der Organisation eines solchen Prozesses neben den Regierungen auch Unternehmen und gesellschaftliche Gruppierungen vertreten. Der Referent, der dem Koordinationsbüro des Weltagrarberichts angehört hatte, zeigte auf, dass weltweit ca. eine Milliarde Menschen hungert, 70 Prozent davon leben auf dem Land. Gleichzeitig gibt es rund eine Milliarde Überernährte, ein Drittel davon kann als krankhaft fettleibig bezeichnet werden. In Kalorien gerechnet müsste die landwirtschaftliche Produktion weltweit für eine ausreichende Ernährung aller Menschen mehr als genügen. Da jedoch ein Großteil der landwirtschaftlichen Erzeugnisse für Tierernährung, Energiegewinnung und industrielle Zwecke genutzt wird, sowie vermeidbar in der Lebensmittelkette bei Ernteverlusten, der Fleischproduktion und als Abfall verloren geht, verschärft sich das Hungerproblem. Zusätzlich führte und führt die in vielen Gebieten der Welt betriebene industrielle und intensive Landbewirtschaftung zu einem Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen wie Boden, Luft, Wasser und Artenvielfalt. Auch die so wichtige Multifunktionalität der Landwirtschaft, d. h. die Erfüllung der unterschiedlichsten wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Aufgaben kann von dieser Art der Landbewirtschaftung nicht gewährleistet werden. Der Weltagrarbericht kommt zu dem Schluss, dass es (klein)bäuerliche Strukturen (immer vor dem jeweiligen regionalen Hintergrund betrachtet) mit wirklich nachhaltiger und angepasster Bewirtschaftungsweise sind, die die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung sicherstellen können. Dazu ist ein Umdenken in Wirtschafts- und Landwirtschaftspolitik, Forschung und Technologie aber auch in den Industrienationen eine Änderung der Essgewohnheiten dringend nötig. Haerlin: »Die Lösungen der letzten vierzig Jahre sind nicht geeignet, die Probleme der nächsten vierzig Jahre zu lösen!« Den einen oder anderen Zuhörer dürfte aufgrund der überwiegend düsteren Zahlen, Fakten und Zusammenhänge die Hoffnung verlassen haben, noch irgendetwas ändern zu können. Das Zitat eines thailändischen Bauern, der es geschafft hatte, durch vielfältigere und nachhaltigere Produktion auf rund einem halben Hektar Eigentum die Existenz seiner Familie zu sichern und der Schlussgedanke Haerlins, dass die notwendigen Änderungen auch und vor allem durch die verschiedensten lokalen und regionalen Ansätze und Initiativen in Gang gebracht werden müssen und können, ließ die meisten dann zwar sehr nachdenklich und mit einer Fülle von Informationen im Kopf aber nicht ganz hoffnungslos nach Hause gehen. Das Zitat lautete übrigens: »Man muss sich im Herzen verändern, um etwas verändern zu können!« Weitere Informationen unter www.weltagrarbericht.de.

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