Gottfried Winter (55) erzählt die Geschichte hinter seinem neuen Doppeldecker

Wie ein Berliner Ex-Stadtbus in Mindelheim zur Currywurst-Bude wurde

Gottfried Winter Partybus Currywurst Mindelheim
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Um die wirtschaftlichen Folgen von Corona zu überstehen, hat Gottfried Winter sich einen Partybus aus Rostock gekauft. Diesen nutzt er nun als Imbissbude, um in der Allgäuer Straße unter anderem Currywurst und Kaffee to go zu verkaufen.
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Mindelheim – Corona hat viele Berufsgruppen hart erwischt und schon jetzt zahlreiche persönliche Schicksale besiegelt. Der Mindelheimer Gottfried Winter (55) wollte sich von den Pandemie-Folgen allerdings nicht unterkriegen lassen und versucht nun, „aus der Not das Beste zu machen“, wie er sagt. Sein Rezept dafür: Ein alter Partybus, der seit Januar in der Allgäuer Straße steht und den Winter zu einer Currywurst-Bude umge­krempelt hat.

Dass der dunkelgrüne Doppeldecker Personen von A nach B befördert hat, ist schon eine Weile her. Seinerzeit soll das Gefährt mit der Liniennummer 3950 im Berliner Nahverkehr im Einsatz gewesen sein, erzählt Winter. Als der Bus in den Privatbesitz wechselte, ging dessen Fahrt zunächst nach Rostock, wo fortan ein vierjähriges Umbauprojekt seinen Lauf nahm: In der Hansestadt baute nämlich Thomas Mielke den Bus vom Verkehrsmittel zur Party-Location um: Disco-Tanzfläche, Schänke und Gasherd wurden eingebaut und das Gefährt fortan für feuchtfröhliche Fahrten (der Fahrer selbst natürlich ausgenommen) und Abende eingesetzt. „Als ich den Bus bekommen habe, war er eigentlich schon fast fix und fertig“, erklärt Winter.

„In der Autobranche läuft nichts mehr“

Warum der Mindelheimer sich den Partybus aus Rostock zulegte? Der 55-Jährige war bis Corona in der Fahrzeugaufbereitung tätig, davon zeugen auch einige Autos in der Allgäuer Straße auf dem von Winter angemieteten Grundstück gegenüber des Café Rieds. „Durch Corona ist der Autobau tot. In der Branche läuft nichts mehr“, sagt Winter. Zwischenzeitlich machte sich der 55-Jährige auf Jobsuche, um sich über Wasser zu halten und nicht auf Staatskosten zu leben – bis sich schließlich das Bus-Abenteuer ergab: „Eigentlich kriegt man solche Busse kaum noch“, meint Winter, der das Fahrzeug in einer aufwändigen Aktion von der Ostseeküste ins Unterallgäu steuerte. Acht Stunden lang war er zuvor mit dem Zug nach Rostock gefahren, geschlagene 16 Stunden dauerte die Fahrt zurück in den Süden. Denn wie Winter erklärt, sei er mit gerade mal 65 Stundenkilometern über die Autobahn getuckert. Mehr ging nicht. Zudem hatte er sich erkundigen müssen, dass der Doppeldecker auf seiner Strecke keine Brücken auf vier Metern Höhe passieren muss.

Um die wirtschaftlichen Folgen von Corona zu überstehen, hat Gottfried Winter sich einen Partybus aus Rostock gekauft. Diesen nutzt er nun als Imbissbude, um in der Allgäuer Straße unter anderem Currywurst und Kaffee to go zu verkaufen.

Mit etwas Geduld kam er schließlich aber heil in Mindelheim an, wo Winter, der übrigens nicht mit dem amtierenden Mindelheimer Bürgermeister verwandt ist, nur noch die Küche umbauen musste. Dort stehen nun ein neuer Grill und eine neue Fritteuse.

Die Investitionen waren für den 55-Jährigen nicht ganz risikofrei. Er habe einen Großteil von dem, was er über die Jahre für die Rente angespart habe, nun in den Bus gesteckt, verrät Winter. „Aber was soll man in der Not machen, wenn man nichts mehr verdient?“ Auch die Jobsuche hat für ihn nun ein versöhnliches Ende gefunden: „Diesen Arbeitsplatz nimmt mir keiner weg.“

Während Gottfried Winter am Wochenende nun weiterhin für enge Stammkunden an Autos schrauben will, steht er unter der Woche – immer von 10 bis 18 Uhr – mit roter Schürze im Bus, um für seine Kunden ein schnelles, leckeres Mittagessen zuzubereiten. Vorbild, so sagt er übrigens, seien die 90er Jahre. „Das war für mich die Currywurst-Zeit“, so der Buden-Inhaber, der die Wurst mit Semmel, Baguette oder Pommes serviert. Auf Pizza, Döner oder anderes Fast Food wolle er bewusst verzichten, sagt er.

Immer nur Homeoffice? „Das tut irgendwann weh“

Das Schönste an seinem neuen Job: „Der Kontakt zu den Leuten“, meint Winter. Denn in seiner Bude habe er wenigstens immer noch Sichtkontakt zu Mitmenschen, während andere durch Corona ins Homeoffice verbannt würden oder in nahezu verwaisten Büros säßen. „Das tut dann irgendwann weh“, so der 55-Jährige.

Sobald die Pandemie und die Einschränkungen überstanden sind, will er in seinem Bus auch richtige Partys organisieren – und damit auch die Steh- und Sitzplätze des Bus-Innenraums, die aktuell leer bleiben müssen, mit Leben füllen. Und auch einen Namen bräuchte seine Imbissbude demnächst noch, lacht Winter – gute Karten hat offenbar „Zum Oldtimer“.

Marco Tobisch

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