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Wie kommt Bildung für nachhaltige Entwicklung in die Köpfe der Schüler? Eine Fachtagung liefert Impulse und Ernüchterung

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Von: Melanie Springer-Restle

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An der Podiumsdiskussion nahmen teil (v. links) Moderator Siegfried Hummelsberger, Berufsschullehrer Karl Geller, Jochen Hofmann vom Kultusministerium, Vizepräsident der IHK Schwaben Gerhard Pfeifer, Detlef Fischer vom Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft und Professor Franz-Josef Radermacher.
An der Podiumsdiskussion nahmen teil (v. links) Moderator Siegfried Hummelsberger, Berufsschullehrer Karl Geller, Jochen Hofmann vom Kultusministerium, Vizepräsident der IHK Schwaben Gerhard Pfeifer, Detlef Fischer vom Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft und Professor Franz-Josef Radermacher. © Springer-Restle

Mindelheim – Auf der Fachtagung des Verbands der Lehrkräfte an beruflichen Schulen tauschten sich Lehrer, Experten und Entscheidungsträger zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) aus. Impulsredner Professor Radermacher demonstrierte gleichermaßen eindrucksvoll und ernüchternd, dass Klimaschutz in Deutschland als Teilaspekt der Nachhaltigkeit allein nichts bringe. Letztere könne nur global gedacht werden. Dennoch spielen Lehrer eine wichtige Rolle als Wegweiser. 

Es war kein Zufall, dass Mindelheim als Tagungsort des Fachkongresses auserkoren wurde. Denn Mindelheims Berufsschule hat eine Vorreiterrolle in punc­to Klimaschutz. Zu verdanken ist dies Berufsschullehrer Karl Geller, der die Schule zur Klimaschule machte und dabei sämtliche Kollegen ins Boot holte, wie Schulleiter Gottfried Göppel bei seiner Ansprache anerkennend berichtete. Landrat Alex Eder hob hervor, dass der ursprünglich aus der Forstwirtschaft stammende Begriff „Nachhaltigkeit“ weit mehr sei als Klimaschutz. „Nachhaltigkeit bedeutet auch, wie wir als gesamte Weltfamilie in der Zukunft gut zusammenleben können“, so Eder.

Nachhaltigkeit kann nur global gedacht werden

Daran knüpfte auch Impulsredner Professor Radermacher an, der von 2005 – 2014 Mitglied im Deutschen Nationalkomitee der UNESCO für die Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ war. Nachhaltigkeit sei etwas anderes als die Konzentration auf Umwelt und Klima. „Nachhaltigkeit hat mindestens so sehr eine soziale und eine ökonomische Dimension und immer ist das Thema weltweit zu sehen“, so Radermacher. Es gebe einen riesengroßen Konflikt zwischen einer saturierten Welt, die jetzt die Umwelt schützen wolle, und einer armen Welt, die primär das Ziel habe, aus der Armut herauszukommen. In Bezug auf diesen Konflikt sei die Welt nicht wesentlich weitergekommen, so der Professor, der sich über falschen Aktionismus mokierte, den er als „Wohlfühlnachhaltigkeit“ bezeichnete. „Der Hunger auf der Welt ist ausschließlich ein Kaufkraftproblem“, so Radermacher. Mit einem „Welt-Hartz-4“ müsste niemand hungern. Dazu müssten aber die Reichen etwas abgeben.

Radermacher sieht das Hauptproblem der Klimakrise in der stetig wachsenden Weltbevölkerung. Diese wachse jedes Jahr um die Menschenbevölkerung Deutschlands, jeden Monat komme Österreich dazu. Seit dem Jahr 2000 seien allein 1,5 Milliarden Menschen dazugekommen, so Radermacher. In Afrika werde sich bis 2050 die Bevölkerung verdoppeln. Die Folge des rasanten Bevölkerungswachstums sei, dass in Afrika in den nächsten zehn Jahren mehr gebaut werden würde als in den letzten 100 Jahren in Europa. „Alles, was wir haben, wollen die auch.“ China sei das beste Beispiel. Das Klimaproblem, so Radermacher, sei im Wesentlichen von China induziert, denn China habe mehr CO2-Emissionen als alle Industrieländer zusammen. Nach dem Paris-Vertrag sei das jedoch legitim, denn laut ihm dürfen Schwellen- und Entwicklungsländer ihre Emissionen noch bis 2030 erhöhen, so der Professor.

Radermacher hält das Ziel der Agenda 2030, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, für absurd. Er fragte in die Runde und wollte wissen, wer überhaupt daran glaube. Die Handmeldungen unter den Zuhörern waren sehr übersichtlich. „Dann müssen Sie sich fragen, wie Sie es aushalten, in einer Welt zu leben, in der jeden Tag in mindestens zehn politischen Statements verkündet wird, dass wir an diesem Ziel arbeiten“, wandte sich Radermacher an die Lehrkräfte. „Was ist das denn eigentlich für eine Information für unsere jungen Menschen, wenn wir ihnen dauernd solche Ziele erzählen, wo kein einziger von uns ernsthaft daran glaubt, dass man diese Ziele überhaupt erreichen kann?“, gab der Professor zu bedenken. Sein Credo: Man muss Entwicklungs- und Schwellenländer beim Klimaschutz mit ins Boot holen, sonst sind alle noch so gut gemeinten Bemühungen im beschaulichen Deutschland für die Katz. Der von Radermacher geschätzte, frühere Entwicklungshilfeminister Gerd Müller hatte diesen Ansatz bereits erkannt.

In der anschließenden Podiumsdiskussion pflichteten manche Redner Radermacher bei. So auch der Vizepräsident der IHK Schwaben und Unternehmer Gerhard Pfeifer, der feststellte, dass wir hier im Allgäu einen sehr hohen Lebensstandard haben. Akut sorge er sich jedoch um die Versorgungsprobleme, die durch die Ukraine-Krise entstehen und befürchtet eine Destabilisierung unseres Wirtschaftssystems.

Rahmenbedingungen für BNE fehlen bisher

Auch Karl Geller musste den düsteren Szenarien, die Radermacher zeichnete, zustimmen, hielt aber an seinem Kämpfergeist fest: „Aufgeben geht gar nicht“, so Geller, der bemängelte, dass das Kultusministerium Bildung für nachhaltige Entwicklung bisher vernachlässigt habe und es an den Rahmenbedingungen mangle. BNE müsse im Schulleben verankert werden. Man brauche Struktur, Zeitkontingente und finanzielle Mittel, um BNE voranzubringen. Hier musste Jochen Hofmann, Vertreter des Kultusministeriums Versäumnisse einräumen. Er verwies aber auch auf Berufsschulen, die mit hervorragenden Projekten an den Start gingen. Es helfe aber nichts, wenn die „fünf Ökos an der Schule ihr Herzensprojekt verwirklichen“. BNE müsse in der gesamten Schulfamilie verankert werden, was an der Berufsschule Mindelheim absolut gelungen sei.

Detlef Fischer vom Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft schrieb einen Brief an Kultusminister Piazolo und warnte vor dem Fachkräftemangel. „Wir haben tolle Ingenieure, aber nicht die Handwerker, die die Ideen umsetzen“, so Fischer. In Bezug aufs Klima sagte er, es sei nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach, da es überall irreversible Schäden gebe. „Wir klammern uns alle an unseren Status Quo. Wenn wir so weiter machen: null Chance!“, so Fischer.

Für Radermacher liegt die einzige Lösung im Ausbau der Technologien. Man könne beispielsweise in Afrika Wind- und Sonnenenergie voranbringen.

Wie kommt BNE in die Köpfe der Schüler?

Und was können die Lehrer tun? Darauf hatte Hofmann an früherer Stelle schon eine mögliche Antwort: „Man muss den Schülern die Hoffnung machen, dass man Wohlstand und Nachhaltigkeit miteinander verbinden kann“, so Hofmann.

Nach der Podiumsdiskussion gab es an der Mindelheimer Berufsschule noch zahlreiche Module mit angewandten Praxisbeispielen, von denen sich die angereisten Berufsschullehrer inspirieren lassen konnten. Jetzt muss nur noch das Kultusministerium die Rahmenbedingungen schaffen.

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