Zweiter Verhandlungstag in Memmingen

Bad Wörishofer Totschlagsprozess: Zeugin berichtet, Angeklagter habe sie um Alibi gebeten

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Am Donnerstag ging der zweite Verhandlungstag des Bad Wörishofer Totschlagsprozesses am Landgericht über die Bühne.

Bad Wörishofen – Vergangenen September sollen drei Männer in Bad Wörishofen einen 46-Jährigen brutal zu Tode geprügelt haben. Nun müssen sie sich am Memminger Landgericht wegen Totschlags verantworten. Am zweiten Verhandlungstag kamen auch die Angehörigen des Opfers zu Wort.

Schon beim Verhandlungsauftakt (der Wochen KURIER berichtete) hatte auch die Ex-Freundin des jüngsten Angeklagten die Männer schwer belastet. Die sichtlich aufgewühlte Frau hatte von einem Video berichtet, auf dem der 33-Jährige zu sehen sei, wie er auf den 46-Jährigen brutal einschlage. Im Hintergrund habe sie den 56-Jährigen Angeklagten auf Russisch rufen hören: „Jetzt reicht‘s, sonst bringst du ihn noch um!“

Am Tattag im September hatte sie mehrmals mit ihrem Ex-Freund telefoniert. Der letzte Anruf kam aus dem Zug: Er war gemeinsam mit dem 36-jährigen Angeklagten auf dem Weg zu ihrer Wohnung – laut der jungen Frau ohne jedes Gepäck, obwohl die Männer mehrere Tag bei ihr bleiben wollten. Ihr erzählten sie, dass sie den 46-Jährigen schon tot in seinem Zimmer gefunden hätten. Die Blutflecken an der Hose und den Schuhen des 36-Jährigen erklärten sie damit, dass sie zunächst noch versucht hätten, Erste Hilfe zu leisten.

Ein Alibi hätten die beiden nicht von ihr verlangt – damit erging es ihr anders als einer jungen Frau, die am zweiten Verhandlungstag überraschend aussagte. Denn eigentlich war auch sie für den ersten Tag des Verfahrens geladen, hatte diesen jedoch aus gesundheitlichen Gründen verpasst – das Gericht hatte sie deshalb für einen späteren Termin eingeplant. Wie sich herausstellte, war sie jedoch schon am zweiten Verhandlungstag nach Memmingen gekommen: Sie hatte eine Freundin ins Landgericht begleitet, die zum selben Fall vernommen wurde.

Raushalten keine Option

Als der Vorsitzende Richter Christian Liebhart das mitbekam, lud er die Frau kurzerhand auf den Zeugenstuhl. So ganz wohl fühlte sie sich da jedoch nicht: Obwohl sie bei der Polizei noch recht ausführliche Angaben gemacht hatte, lautete ihre Antwort auf die Fragen des Vorsitzenden Richters meist „Ich weiß nicht“. Liebhart musste sie mehrmals ermahnen, dass auch dieses Verhalten als Falschaussage vor Gericht gelte und damit strafbar sei. „Das ist kein Spaß. Sich hier raushalten zu wollen, bringt Ihnen wirklich nichts, das bringt nur Probleme“, redete er der Zeugin ins Gewissen. „Hier ist jemand gestorben und es geht auch um das Schicksal der drei Angeklagten.“

Diese Worte zeigten Wirkung und die Frau erzählte, wie der 33-jährige Angeklagte sie am Tattag angerufen und ihr erzählt habe, dass die Polizei ihn und den 36-Jährigen suchen würde. Laut ihrer Aussage wollte er von ihr ein Alibi: Sie sollte den Ermittlern erzählen, dass die beiden Männer zum Tatzeitpunkt bei ihr gewesen seien. Wofür genau die beiden ein Alibi brauchten, wollte er ihr am Telefon aber nicht erzählen – aus Angst, dass die Polizei die Verbindung abhören könnte.

Am zweiten Verhandlungstag kamen auch die Angehörigen des Opfers zu Wort: sein Bruder, seine Ex-Partnerin, sein Sohn und seine Mutter. Die 62-Jährige kämpfte bei ihrer Aussage mit den Tränen. Sie habe mit ihrem alkoholabhängigen Sohn fast jeden Tag telefoniert und ihn regelmäßig zu sich eingeladen – vorausgesetzt, er war dabei nüchtern. Kurz vor der Tat hatte die Rentnerin noch mit ihm telefoniert. Aber etwas ließ ihr keine Ruhe: „Ich hab‘s gespürt“, sagte sie vor Gericht. Sie habe die ganze Nacht über nicht geschlafen und sich Sorgen gemacht. Am nächsten Tag kam dann der Anruf: Ihr Sohn war tot.

Informiert hatte sie dessen ehemalige Partnerin. Sie hatte sich nach rund 14 Jahren Beziehung von ihm getrennt. Schuld war der Alkohol. Die Angeklagten kannte sie schon länger, den 33-Jährigen schon seit dessen Kindheit. Während ihrer Aussage wandte sie sich ihm zu und fragte: „Wie konntest du sowas machen? Du hast auch dein Leben kaputt gemacht.“

Vergeblich gesucht

Als der 20-jährige Sohn des Opfers vom Tod seines Vaters erfuhr, dachte er zunächst an Alkohol als die Ursache. „Das hätte ich verstanden. Aber so...“, sagte er vor Gericht. Den 36-jährigen Angeklagten kenne er über seine beiden Onkel. Für ihn hatte er eine knappe Beschreibung: „Lügner. Gauner. Anders habe ich ihn nicht gekannt.“ Der Angeklagte habe seinen Onkel mehrmals bestohlen; es seien Zigaretten, Alkohol und Geld verschwunden. Nach dem Tod seines Vaters hatte er mit dem 36-Jährigen sprechen wollen, nur fehlte von dem jede Spur. Auch in einer Containerunterkunft in Mindelheim hätten sie ihn vergeblich gesucht – dort hatte er zwischenzeitlich bei einem Bekannten gewohnt. Dieser war eigentlich als Zeuge geladen aber nicht aufgetaucht.

Für das Verfahren sind noch vier weitere Verhandlungstage angesetzt, ein Urteil soll voraussichtlich Mitte Juli fallen.

am

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