"Ich konnte in ihrem Gesicht sehen, wie sie die Kräfte verließen"

Zeitzeugenbericht über den Holocaust: Ehemaliger KZ-Häftling Abba Naor hält Vortrag an der Berufsschule Mindelheim

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Abba Naor (links) zieht die Schüler mit seinem schonungslosen Vortrag in den Bann. Ferdinand Wilhelm (rechts) hat ihn schon vor zwei Jahren gehört und ihn an die Berufsschule geholt.

Mindelheim – Der 91-jährige Abba Naor erzählt in Vorträgen an Schulen über seine Vergangenheit. Über seine Erinnerungen an den Holocaust, wie er begonnen hat und wie er ihn überlebt hat. Zwei Stunden dauerte sein Vortrag an der Berufsschule Mindelheim. Die Schüler hingen gebannt an seinen Lippen. Abba Naor meinte selbst: „Manchmal wird es vielleicht langweilig sein, manchmal aber auch sehr unangenehm, was ich euch zu sagen habe.“ Mit Letzterem behielt er Recht.

Als Unterrichtseinheit für politische Bildung hat Ferdinand Wilhelm, Lehrer für Sozialkunde, Abba Naor an die Berufsschule geholt. „Diesen Vortrag hört man nur einmal im Leben. Es gibt nur noch ganz wenige Menschen, die in der Lage sind, aufgrund ihres biologischen Alters, über die Zeit während des Holocausts zu berichten“, leitet Wilhelm die Rede von Naor ein. Abba Naor ist für drei Monate in Deutschland, um den Schülern aus seiner Sicht die Judenverfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus zu schildern. Er lebt aktuell mit seiner Familie in Israel, stammt aber gebürtig aus Kaunas in Litauen. Als Mitglied in der Stiftung Bayrische Gedenkstätten und im interna- tionalen Dachau-Komitee setzt er sich für das Erinnern der Geschichte ein. „Wir vergessen die Geschichte, aber die Geschichte vergisst nicht uns“, sagt er zu Beginn seines Vortrags. In der Schule würde zu wenig über diese Zeit geredet. Der Saal ist voll und still. Das Interesse ist groß, mehr über diese Zeit zu erfahren.

„Hinter jedem Toten steht ein Einzelschicksal“
Naors Worte sind hart, unverblühmt und direkt: „An manchen Tagen wurden mehr Menschen getötet, als Mindelheim jemals zählen wird und hinter jedem Toten steht ein Einzelschicksal.“ Als gebürtiger Litauer liebt er seine Heimat. Das kleine Land hatte keinen Reichtum und verschiedene Minderheiten wie Sinti, Roma, Juden, Polen, Deutsche, Russen und Litauer. Doch auch wenn es unterschiedliche Religionen gab, lebten sie miteinander und nicht gegeneinander. 1933 ergiff Adolf Hitler die Macht und der Hass gegen die Juden artete immer weiter aus. „Heinrich Heine sagte, wer Synagogen verbrannte, wird auch Juden verbrennen“, zitiert Naor den Dichter. Bei all den ernsten Themen, verliert Naor nie seinen Humor. Er fragte die Schüler, wer denn der kleine und der große Schnurrbart sei, die den Nicht-Angriffspakt unterschrieben hatten, der kurze Zeit später wieder gebrochen wurde. Hitler und Stalin sind gemeint gewesen. Die Schüler lachten. Als Hitler die baltischen Länder besetzte, nahmen die Sowjets seine Heimat Litauen 1940 ein. Angst machte sich breit. Als sie seine Stadt bombadierten, verließen sie die Wohnungen und sahen diese nie wieder. „Insgesamt sind in Litauen von 250.000 Juden, davon 60.000 Kinder, vier Prozent am Leben geblieben“, berichtet er. Immer wieder schwärmt er über sein Land, wie zum Beispiel, dass man im Winter mit Schlittschuhen zur Schule fahren konnte, weil es so kalt war. Generell sehe er der Besuch einer Schule als Priveleg an. Die Schüler dürften dankbar dafür sein, die Schule zu besuchen. Als Litauen besetzt wurde, durften die jüdischen Kinder nicht mehr zu Schule gehen und die Erwachsenen nicht mehr arbeiten. Anfang Juli 1941 trieben litauische Partisanen 3.000 jüdische Männer und Frauen aus der Stadt und „erschlugen, erschossen und verbrannten sie“. Das war der Anfang von einer unermesslich großen Anzahl an Ermordungen von Juden. Zu dieser Zeit war er erst 13 Jahre alt. Der Holocaust begann somit in Litauen und auch viele andere europäische Juden wurden nach Litauen gebracht, um dort umgebracht zu werden.

Endlösung begann
In Kaunas errichtete die deutsche Wehrmacht, die im Juni 1941 in Litauen eindrang, zwei Ghettos für die Juden, ein großes und ein kleines Ghetto. „Es war problematisch einzukaufen, denn wir durften nur wenige Stunden am Tag raus. Die Eltern schickten ihre Kinder zum Einkaufen in die umliegenden Dörfer, weil sie dachten, den Kindern würde man schon nichts tun“, erzählt Naor weiter. „Doch sie haben die Kinder geschnappt und erschossen, auch meinen älteren Bruder.“ Das kleine Ghetto mit 3.500 Männern, Frauen und Kindern brauchte man nach kurzer Zeit nicht mehr. Sie wurden zu einer Festung umgesiedelt und dort ermordet. Auch das Krankenhaus im großen Ghetto wurde angezündet, samt den Kindern und Ärzten. Naor meint: „Es lohnt sich, manche Dinge nicht zu übersehen“. 1942 baute die Wehrmacht Fabriken, in denen Juden vergast wurden. Es sollte die Endlösung der Judenfrage werden, die von Hitler beschlossen wurde. Ganze Züge kamen mit tausenden Juden an, um sie zum Vergasen zu schicken. „Die Arbeiter und Helfer waren selbst nur normale Menschen und gingen abends heim zu ihren Frauen und Kindern“, sagt Naor. NS-Ärzte führten Versuche mit den Juden durch. Sogar Kinder wurden dafür missbraucht. Die meisten starben daran. Naor beschreibt, dass sein Leben von Angst und Hunger geprägt war. Die Essensration fiel mager aus: 700 Gramm Brot bekam jeder Arbeiter in der Woche. Kinder, Kranke, Alte gingen leer aus. „Jeder Befehl war schlimmer. Erst mussten wir unsere Wertsachen abgeben, dann die Wohnungen verlassen“, erzählt Naor. Auf einem Platz, wo sich alle Juden versammeln mussten, wurde dann selektiert. Rechte Seite: Abtransport und Ermordung. „10.000 Juden wurden an diesem Tag nach rechts geschickt.“ Die linke Seite hatte Glück. Kinder erschossen die Soldaten nicht. Sie warf man lebendig in eine Grube. Um das Leben menschlicher zu machen, baute die Wehrmacht eine Schule für die jüdischen Kinder. Die Bevölkerung spendete Bücher. Musiker gaben wieder Konzerte. „Wir durften wieder ein normales Leben führen, trotz öffentlicher Hinrichtungen“, sagt er. „Irgendwann war Litauen voller Leichen. Man musste Leichen ausgraben und sie ver- brennen, weil es an Platz fehlte. Goldzähne wurden rausgerissen, damit die Schweizer Banken daran verdienten.“ Als die Eltern auf der Arbeit waren, kamen Lastwagen, um die Kinder abzuholen. Sie alle wurden nach Ausschwitz gebracht, denn sie waren nicht arbeitsfähig, heißt, für das NS-Regime unbrauchbar. Von überall her kamen die Juden nach Ausschwitz zum Sterben. Insgesamt 1,5 Millionen Kinder wurden während des Holocausts umgebracht. Viele wollten sich wehren, wollten Widerstand ausüben, doch dieser war meistens erfolglos. Die Juden in den Ghettos planten einen Aufstand, doch ihnen wurde klar, dass sie niemanden in dem eingezäunten Bereich erreichen würden. Anton Schmid, ein Feldwebel, rettete vielen das Leben, musste aber dafür mit seinem eigenen Leben bezahlen. Im Juni 1944 kam Naor in das Konzentrationslager Stutthof nahe Danzig. Dort teilten die Wachmänner die Juden nach dem Geschlecht auf. Die versprochenen gegenseitgen Besuche am Wochenende blieben aus. Die Männer mussten einen gestreiften Pyjama anziehen, sowie eine Mütze. Die Kleidung durften sie nie ablegen. „Mit der Zeit trugen wir sämtliches Ungeziefer mit uns rum“, erzählt Naor.

Kampf ums Überleben
Die Häftlinge waren geschwächt, mussten ständig laufen, bekamen kaum etwas zu Essen oder zu Trinken. Was im Sommer ein kritisches Ausmaß annahm. Nur zweimal am Tag gab es kleine Mahlzeiten. „Nach dem Waschen schlugen uns die Wächter mit einem Gummiknüppel. Auf dem nassen Körper war das besonders schmerzhaft“, erinnert sich Naor. Seine Mutter und sein zweiter Bruder starben 1944. Der Grund, nannte Naor, sei das gescheiterte Attentat auf Hitler gewesen, das Claus Schenk Graf von Stauffenberg ausgeübt hatte. Kurz darauf wurden beide vergast. „Mit einem Gott ist es einfacher zu leben, aber er war zu der Zeit nie da“, bedauert Naor. Die letzten lebendigen Häftlinge kamen dann nach Bayern, wo sie zwölf Stunden am Tag schuften mussten - ohne etwas trinken zu dürfen. Nach der Arbeit gab es nur eine Suppe mit Brot. „Vernichtung durch Arbeit“, nennt Naor diese Ermordung. „Während der Arbeit sind sie gestorben. Ich konnte in ihrem Gesicht sehen, wie die Kräfte sie verließen.“ Zum Überleben brauchte es ein paar Tricks, wie es Naor bezeichnet. Es war wichtig, Freunde im Lager zu haben und Hilfe von Fremden zu bekommen. In der Bäckerei hat die Verkäuferin ein Päckchen mit Essen für die Häftlinge versteckt, damit sie nicht verhungerten. Naor vergleicht das Leben der Häftlinge mit dem der Schweine, mit dem Unterschied, dass die Schweine im Stall mehr Esssen bekamen als sie. Als Lokführer klaute er Rüben vom Feld, um zu überleben. Er wusste, dass die Fronten nah waren. Dennoch ging er in das schlimmste Lager: nach Kaufering. Dort war die Sterberate besonders hoch, aber er hoffte dort auf seinen Vater zu treffen. Er erledigte lebensgefährliche Schwerstarbeit. Der Geruch von Leichen begleitete die tägliche Arbeit, denn diese wurden nur einmal pro Woche abtransportiert. Nachdem das Lager geräumt wurde, marschierten sie neun Tage ohne Pause und ohne Nahrung quer durch Bayern, von Norden nach Süden. Viele überlebten diesen Todesmarsch nicht. Sie verhungerten oder verdursteten auf dem Weg. Dann wurde er endlich 1945, im Alter von 17 Jahren, von den Amerikanern befreit. Naor fragt die Schüler zum Schluss: „Ist es eine Glückssache befreit worden zu sein?“ Er antwortet: „Wir haben gelebt, überlebt, aber wir waren nicht lebendig. Man vergisst nie die Toten, nie die eigene Familie, die nun tot ist, nie diese Angst und der Hunger. Aber man muss das Beste daraus machen und lange leben.“ Mittlerweile hat er zwei Kinder und neun Urenkel, von denen er stolz erzählt.

von Julia Böcken

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