Gastbeitrag aus Großbritannien

Peinlicher Brexit-Albtraum: Dem Land droht eine Revolte

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Der Brexit als Schlag ins eigene Gesicht: Rosenmontag in Köln.

Die Jungen fühlen sich im Brexit-Streit von den Alten verraten, die fürchten nichts mehr als ein neues Referendum. Ein gefährliches Gebräu. Ein in Großbritannien lebender Deutscher über extreme Haltungen und alte Sehnsüchte.

Nottingham - In meinen eineinhalb Jahren in England habe ich* schon so manche Brexit-Stimmung erlebt: Entsetzen, Trauer, Wut, Hoffnung. Geblieben ist davon knapp drei Wochen vor dem offiziellen Austrittsdatum nicht mehr viel. Es herrscht vor allem eines: Gleichgültigkeit.

Die Briten sind Brexit-müde. Deal oder kein Deal, eine Verzögerung des Austritts, gar ein Verbleib – mittlerweile ist es vielen tatsächlich einfach egal. Wo vor einem Jahr noch hitzige Diskussionen entstanden, wird heute nur noch abgewinkt. „Brexit? Och, bitte nicht. Ich kann es nicht mehr hören.“

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Brexit-Ergebnis hat viel angerichtet in Großbritannien

Als Student lebe ich in einer EU-freundlichen Blase. In meinen ersten Wochen in Nottingham kamen viele Kommilitonen zu mir, um sich für den Brexit zu entschuldigen. „Ich habe mich nie in meinem Leben so für etwas geschämt wie an dem Tag für mein eigenes Land“, hat mir einer erzählt. Eine andere meinte, sie hätte sogar geweint.

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Das Ergebnis hat viel angerichtet im Land. Die Frage „Bleiben oder gehen?“ hat Familien gespalten, Freundschaften beendet. Auf einer Party hat mir ein Bekannter, eigentlich ein besonnener Zeitgenosse, das Ausmaß sehr beeindruckend veranschaulicht, als er sagte: „Wenn einer hier auf der Party für den Brexit gestimmt hat, würde ich zum Gastgeber sagen: Er oder ich. Einer muss gehen. Ich meine das ernst! Ich kann mit solchen Menschen nicht feiern.“ Die Leute um uns herum nickten zustimmend. Eine extreme Haltung, die mich überrascht hat.

Max Seib, Student in Großbritannien und Autor des Gastbeitrags.

Brexit-Zoff: Jugend fühlt sich von den Alten verraten

Was immer wieder zum Ausdruck kommt: Die Jugend in England fühlt sich verraten. Weil das Referendum mit Lügen gewonnen worden sei. Weil die ältere Generation ihnen etwas aufzwinge, was diese dann selbst gar nicht mehr erleben müssten. Die Jungen schimpfen die Alten „Rassisten“, die Alten nennen sie dafür „Gutmenschen“. Begriffe, die man auch aus Deutschland kennt. Unsere Flüchtlingskrise ist ihr Brexit.

Engländer sind deutlich offener als wir Deutsche. Sie lieben es, in der Bahn oder im Pub mit einem ins Gespräch zu kommen. Und so habe ich auch schon den ein oder anderen Brexitier getroffen. Keiner von ihnen konnte mir den EU-Austritt mit stichhaltigen Argumenten erklären. Es werden immer Gefühle beschrieben, Ängste, Sorgen – und der Wunsch nach alter Stärke durch den Brexit. Dazu muss man wissen: Vergangenheitsbewältigung ist eine sehr deutsche Sache. Die Schattenseiten des British Empire werden im englischen Schulunterricht nicht behandelt. Wer etwas über britische Verbrechen in der Kolonialzeit oder die Opiumkriege in China erfahren möchte, muss sich als politisch interessierter 15-Jähriger selbst informieren. Sonst lernt man das Empire nur als goldene Zeit kennen, in der die Briten die Welt beherrschten und ihr westliche Werte brachten. Danach sehnen sich gerade viele ältere Menschen im Land, die auch deswegen für den Brexit gestimmt haben.

Premierministerin Theresa May.

„Ich musste wegen den Muslimen für den Brexit stimmen“

Ein Extremfall ist mir eines Abends in einem Pub wenige Minuten vom Stadtzentrum in Nottingham begegnet. Als ich an der Bar zwei Bier für einen Bekannten und mich holen wollte, kam ich ins Gespräch mit einer Riege älterer Herren, die am Tresen ihre Pints süffelten. Wir sprachen über deutsches Bier und englischen Fußball. Als ich mich zu meinem Freund gesellte, kam der Rädelsführer der Gruppe noch einmal zu uns herüber. „Ich muss noch kurz etwas loswerden, weil Ihr wie linke Softies wirkt. Ich bin ja eigentlich Europäer, aber…“, setze er an. „Ich musste für den Brexit stimmen. Denn die ganzen Muslime, die wir in unser Land lassen, werden es uns irgendwann nehmen. Die ganzen schwarzen Muslime, die dürfen unser Geld und unsere Frauen nehmen. Aber wir dürfen nicht deren Frauen nehmen. Der Islam macht unser Land kaputt, das werdet ihr schon noch sehen. Du wirst mir wahrscheinlich als Deutscher widersprechen, aber ganz ehrlich: Ich hätte lieber Hitler als den Islam.“ Selten war ich so sprachlos.

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Den Brexit abblasen? Es würde eine Revolte bedeuten

Natürlich ist dieser Monolog in einem Pub um kurz vor Mitternacht nicht repräsentativ. Eines aber ist repräsentativ: Der Stolz, das Referendum gewonnen zu haben. Viele Menschen in diesem Land wollen ihr altes England zurück. Dafür haben sie gestimmt. Sie haben sich wertig gefühlt, als sie tatsächlich gewonnen haben. Sie, die kleinen Leute, haben das erreicht. Ihr Vertrauen in die Demokratie wäre nachhaltig zerstört, wenn man das Referendum wiederholen oder ignorieren würde. Den Austritt aus der EU einfach abzublasen, würde eine Revolte bedeutet.

Das große Problem für May: Die eine Hälfte will den Brexit unbedingt, die andere auf keinen Fall

Das weiß auch Theresa May. Nach zweieinhalb Jahren Brexit-Desaster ist die Premierministerin verbrannt. Ich habe noch nicht eine Person getroffen, die sich mit ihrer Arbeit zufrieden zeigte. Dabei liegt das objektiv betrachtet gar nicht so sehr an ihrem Handeln. Sie steht vielmehr vor einer „Mission Impossible“. Der von ihr ausgehandelte Plan gilt für viele hier als kein schlechter. Aber er illustriert das zentrale Problem im Land: Die eine Hälfte der Menschen möchte in der EU bleiben, die andere Hälfte das gute alte Empire zurück und dementsprechend komplett raus aus der Union.

Das alles verschlimmert sich noch dadurch, dass die Spaltung nicht nur durch das Land als solches geht, sondern auch durch beide große Parteien. Sowohl bei den Tories als auch bei Labour finden sich glühende Verfechter für und gegen den Brexit. Diese Spaltung hat den politischen Betrieb in den letzten zwei Jahren gelähmt. Denn keiner der beiden Parteivorsitzenden, weder Theresa May bei den Conservatives noch Jeremy Corbyn als Labour-Vorsitzender, können etwas anbieten, was ihre Partei glücklich macht. Was immer sie tun, sie haben eine Hälfte gegen sich. Deswegen wäre Theresa Mays Brexit-Deal vielleicht ein guter Kompromiss. Einig sind sich nämlich alle, dass sie ein No-Deal-Szenario nicht wollen.

Jeremy Corbyn im Parlament.

Brexit: Corbyn macht es ähnlich schlecht wie Theresa May

So unpopulär Theresa May ist, ihr Widersacher macht es nicht besser. Vor einem Jahr noch hallten immer wieder „Jeremy Corbyn“-Schlachtrufe durch die Straßen von Nottingham. Der Labour-Chef war der inoffizielle Sprechchor-Nachfolger von „Will Grigg’s on fire“ – das, was der gemeine jugendliche Engländer auf seinen Pubrunden so anstimmt. Mit Corbyn verbunden war die Utopie der Jugend, England zu einem gerechten und sozialen Land zu machen. Nur hat sich der bekennende Sozialist Corbyn in Sachen Brexit so lange darum gewunden, eine klare Position zu beziehen, dass viele ihm mittlerweile jegliche Führungsqualitäten absprechen. Erst als Labour-Abgeordnete die Partei aus Protest gegen seine Politik verließen, rang er sich dazu durch, für ein zweites Referendum zu werben. Wie dieses aussehen soll, ließ er offen. Eine Alternative ist er dadurch nicht.

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Eine Lösung im Brexit-Desaster erwartet keiner mehr

Am Dienstag widmet sich das britische Parlament einmal mehr dem Thema EU-Austritt. Eine Lösung, die alle zufriedenstellt, erwartet keiner mehr. Die Hoffnung, so erlebe ich die Stimmung in diesen Tagen in England, ist nur, dass der Albtraum irgendwann vorbei ist. Denn wo auch immer sich die Leute politisch verordnen – die politische Debatte der letzten zweieinhalb Jahre empfinden alle als peinlich für das Königreich. Wiederholt habe ich in den letzten Wochen mit Studenten gesprochen, die die Geduld verloren haben und ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Viele wollen auch weiterhin in der EU bleiben. Dafür lernen sie inzwischen sogar schon Deutsch.

Max Seib

*Max Seib, Jahrgang 1991, studiert seit Herbst 2017 den Master „Broadcast Journalism“ an der Nottingham Trent University.

Dieser Beitrag wurde von außerhalb der Redaktion geschrieben und muss nicht die Meinung dieser repräsentieren.

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