Inzidenzwert sinkt erstmals

Corona-Hotspot Hildburghausen: Landratsamt weitet Regeln noch weiter aus

Der Landkreis Hildburghausen ist Deutschlands Corona-Hotspot: Die Inzidenz lag über 600. Trotzdem gab es Proteste gegen die härteren Maßnahmen. Jetzt reagierte das Landratsamt.

  • Im thüringischen Landkreis Hildburghausen demonstrierten hunderte Menschen gegen die neuen Infektionsschutzregelungen.
  • Die Polizei löste die Versammlung mit Pfefferspray auf.
  • Der Landkreis hat die höchste Inzidenz* in Deutschland.

Update vom 28. November, 17.26 Uhr: Der Landkreis Hildburghausen ist schon seit einigen Tagen absoluter Corona-Hotspots. Jetzt hat die thüringische Region noch härtere Regeln verhängt. Nachdem es einen unangemeldeten Corona-Protest gegeben hat (siehe Erstmeldung), gilt ab Sonntag ein Versammlungsverbot. Durch eine Verordnung untersagte das Landratsamt am Samstag Versammlungen - egal ob drinnen oder an frischen Luft. Auch Veranstaltungen sind verboten. Zudem müssen die Menschen jetzt in der Innenstadt von Hildburghausen Masken tragen.

Nur noch im Einzelfall und auf Antrag können Versammlungen genehmigt werden, wenn sie mit dem Infektionsschutzgesetz vereinbar sind und vier Tage im Voraus angemeldet wurden. Untersagt wurden auch Sitzungen der Kommunen, Parteitage, Gottesdienste und Märkte - mit Ausnahme von Wochenmärkten und Beerdigungen.

Für die rund 63.000 Einwohner des Kreis Hildburghausen gilt bereits seit Mittwoch ein harter Lockdown mit strengen Ausgangsbeschränkungen; Kitas und Schulen wurden geschlossen. Die Zahl der Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche lag im Kreis am Samstag nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) bei 595 (Vortag: knapp 630). Der Wert ist damit erstmals seit längerem nicht weiter gestiegen, sondern hat sich etwas abgeschwächt.

Corona-Hotspot Hildburghausen: Inzidenz klettert weiter - Sorge in Bayern wächst

Update vom 27. November, 14.00 Uhr: Im thüringischen Landkreis Hildburghausen, aktuell bundesweit Corona-Hotspot Nummer eins, musste die Polizei zu einem Einsatz an der regionalen Corona-Teststation ausrücken. Man sei am Donnerstagabend über die Versammlungsbehörde des Landkreises Kenntnis über einen Aufruf in sozialen Medien informiert worden - angeblich sollte die Abstrichstelle blockiert werden. Die Polizei sei daraufhin vor Ort gewesen, eine Blockade habe aber nicht festgestellt werden können. Wer dahinter steckt, sei zunächst unklar geblieben.

Seit der Wochenmitte gilt in dem Landkreis ein Lockdown mit strengen Ausgehbeschränkungen; Schulen und Kindergärten sind seitdem geschlossen. Dagegen hatten mehrere Hundert Menschen am Mittwochabend im Stadtzentrum protestiert. Sie zogen laut Polizei singend durch die Straßen, viele trugen keinen Mund-Nasen-Schutz. Die Polizei zerstreute die Ansammlung schließlich auch mit Hilfe von Pfefferspray (siehe Erstmeldung).

Proteste gegen die Corona-Regeln im Landkreis Hildburghausen

Unterdessen wächst die Sorge im benachbarten Bayern. „Der Wirtschaftsraum Coburg ist stark geprägt vom Einpendeln von
Mitarbeitern aus dem Raum Südthüringen“, betonte der Oberbürgermeister der fränkischen Stadt, Dominik Sauerteig (SPD) am Freitag. „Daher besteht natürlich die Sorge von einem Übergreifen der hohen Ansteckungszahlen.“ In den an Hildburghausen angrenzenden fränkischen Landkreisen Coburg, Hassberge und Rhön-Grabfeld liegen die Inzidenzwerte laut RKI inzwischen über 200 - Tendenz steigend. „Die Vermutung liegt schon nahe, dass es einen Zusammenhang mit Hildburghausen gibt“, sagte Felix Hanft vom Landratsamt Coburg.

Hildburghausen und Corona-Proteste: Inzidenz steigt weiter - alle Intensivbetten belegt

Update vom 27. November, 12.45 Uhr: Das Infektionsgeschehen im absoluten Corona-Hotspot Deutschlands hat sich erneut verschärft. Am Freitag stieg der 7-Tage-Inzidenz-Wert auf knapp 630. Die Zahl der aktiven positiven Corona-Fälle in Hildburghausen liegt laut dem Landkreis am Freitag bei 853. Auf der Corona-Karte des Robert-Koch-Instituts leuchtet der Kreis inzwischen als einzige Region in Deutschland pink.

Zudem sind im Landkreis Hildburghausen alle Intensivbetten belegt. Das geht aus dem Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hervor. Insgesamt sind für den Landkreis acht Intensivbetten gelistet. Zwei davon sind mit Covid-19-Patienten belegt, die invasiv beatmet werden müssen.

Corona: CDU sieht Mitschuld der Landesregierung an Entwicklung in Hildburghausen

Update vom 27. November, 7.00 Uhr: Die Thüringer CDU sieht eine Mitschuld der Landesregierung an der dramatischen Corona-Entwicklung im Landkreis Hildburghausen. „Zur Verschärfung hat die zögerliche Reaktion des rot-rot-grünen Bildungsministeriums beigetragen, das nötige Schließungen trotz dringlicher Bitten aus dem Landkreis zu lange blockiert hat“, sagte Thüringens CDU-Fraktionschef Mario Voigt gegenüber der Rheinischen Post. Der Landkreis Hildburghausen und die Schulen seien bei der Anwendung des Stufen-Konzeptes „komplett alleine gelassen“ worden“, äußerte sich der CDU-Politiker.

Corona/Hildburghausen: Drohungen gegen Landrat - Müller unter Polizeischutz

Seit Donnerstag steht Landrat Thomas Müller vom Landkreis Hildburghausen unter Polizeischutz. Ein Polizei-Sprecher sagte gegenüber der Deutschen Presse Agentur, Müller sei in den sozialen Medien beleidigt und bedroht worden. Zum Inhalt der Nachrichten gab es zunächst keine näheren Informationen. Sie stehen aber „mutmaßlich im Zusammenhang mit der Corona-Schutzverordnung“, so der Sprecher. Die Kripo Suhl bearbeitet den Fall. Zuvor hatte Landrat Müller die Proteste gegen den strengen Corona-Lockdown in Hildburghausen als unverantwortlich bezeichnet.

Im Corona-Hotspot-Landkreis Hildburghausen haben rund 400 Menschen gegen die neuen Corona-Regeln protestiert.

Corona-Hotspot Hildburghausen: Polizei löst Demonstration auf - Bürgermeister ist fassungslos

Erstmeldung vom 26. November, 11 Uhr: Erfurt - Im Corona*-Hotspot-Landkreis Hildburghausen hat die Polizei mithilfe von Pfefferspray eine Protestkundgebung gegen die neuen Infektionsschutzregelungen aufgelöst. Rund 400 Menschen hatten sich trotz Ausgangsbeschränkungen am Mittwochabend auf dem Marktplatz versammelt, Videoaufnahmen zeigten singende Protestierende auf den Straßen. Nach Polizeiangaben gab es zahlreiche Verstöße: „So wurden Mindestabstände nicht gewahrt, Masken* nicht getragen und die eigene Wohnung ohne triftigen Grund verlassen.“ Den etwa 30 Beamten gelang es demnach die Protestierenden zu zerstreuen.

Die Teilnehmer sprachen nach Angaben von Bürgermeister Tilo Kummer von einem „Spaziergang“. „Ich bin fassungslos“, schrieb Kummer am Abend auf Facebook. „Der Markt in Hildburghausen ist voller Menschen! Etliche tragen keine Masken! Was muss denn noch passieren, bis manche den Ernst der Lage begreifen?“ Etliche Menschen im Kreis kämpften um ihr Leben. Ganze Kitas, Schulen, Rettungswachen, Feuerwehren hätten in den letzten zwei Wochen in Quarantäne* gemusst. „Kann man da nicht mal zwei Wochen Abstand halten?“

Der Kreis Hildburghausen hat derzeit bundesweit das größte Infektionsgeschehen* gemessen an Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Seit Mittwoch gilt dort ein regionaler Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen sowie geschlossenen Schulen und Kindergärten. Die Proteste fanden während der Beratungen der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel* statt.

Polizei löst Demo mit Pfefferspray auf: Mehrere Anzeigen - Ministerpräsident Ramelow appelliert an Bürger

Das Pfefferspray wurde nach Polizeiangaben punktuell eingesetzt, um zu verhindern, dass die Protestierenden auf eine Bundesstraße im Ort ziehen. Mehrfache kommunikative Versuche, die Teilnehmer zum Verlassen der Demonstration zu bewegen, seien fehlgeschlagen, teilte die Polizei in der Nacht zum Donnerstag mit.

30 Teilnehmer erhielten demnach eine Anzeige wegen einiger Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz. Verletzte und Festnahmen gab es den Angaben zufolge nicht. Die Versammlung habe gegen 19 Uhr begonnen, gegen 20.45 Uhr seien die Proteste beendet gewesen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow appellierte an die Menschen im Landkreis Hildburghausen, sich an die neuen Infektionsschutzregeln zu halten. Es gebe ein großes Bemühen, mit strengeren Maßnahmen „Leib und Leben von Menschen zu schützen“, sagte er am Mittwoch nach der Schalte der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel*. Er habe aber Bilder gesehen, die zeigten, dass sich mehrere Hundert Menschen auf dem Marktplatz versammelt hätten.

Demonstration in Hildburghausen: Landkreis mit der höchsten Inzidenz in Deutschland

Diese Menschen, so Ramelow, hätten damit das Signal gegeben, dass sie das Corona-Infektionsgeschehen* in ihrem Kreis nicht interessiere. „Sie sind zwar in dem Landkreis, in dem die höchste Infektionsrate in ganz Deutschland ist, aber sie signalisieren, dass sie die Maßnahmen zur Unterbindung der Infektionen wohl eher ablehnen“, sagte Ramelow.

In Hildburghausen gab es laut Zahlen des Robert Koch-Instituts* von Mittwoch 526,9 Infektionsfälle auf 100.000 Einwohner pro Woche - das ist das bundesweit stärkste Infektionsgeschehen. Am Donnerstag meldete das RKI sogar eine Inzidenz von 602,9. Ab einem Wert von 50 gilt eine Region als Risikogebiet*.

Ramelow appellierte an die Menschen in Hildburghausen, solidarisch zu sein und „sich gegenseitig zu helfen und sich zu unterstützen“. Gerade im Raum Südthüringen sei die Situation wegen des Coronavirus* in den Intensivstationen der Krankenhäuser angespannt. „Wenn man dann auch noch mit einer größeren Form von Missachtung und Leugnung glaubt, darauf reagieren zu können, erweist man seinen Mitbürgern einen Bärendienst“, sagte Ramelow. (dpa/fmü) *Merkur.de und tz.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Steffen Ittig/dpa

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