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Atomkraftwerk Tschernobyl: Russische Soldaten nehmen wohl radioaktives Material mit

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Von: Delia Friess

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Berichte über in Tschernobyl in der Ukraine verstrahlte russische Soldaten häufen sich. Offenbar haben sie Gräben in radioaktive Hotspots gegraben.

Tschernobyl – Schon seit mehreren Wochen häufen sich die Berichte darüber, dass russische Soldaten im Ukraine-Krieg* einer erhöhten radioaktiven Strahlung ausgesetzt gewesen seien, als sie das Kernkraftwerk Tschernobyl einnahmen. Tschernobyl liegt im Norden der Ukraine nahe der Grenze zu Belarus und ist rund 200 Kilometer von Kiew* entfernt.

Durch den radioaktiven Unfall 1986 ist die Umgebung des Kraftwerkes noch immer weitreichend kontaminiert und gesperrt. Innerhalb dieses Sperrgebietes gibt es zudem radioaktive Hotspots. Dazu zählt auch der sogenannte Red Forest, ein Waldgebiet, dessen Name auf die rote Verfärbung der Bäume infolge der radioaktiven Strahlung zurückzuführen ist. Drohnenaufnahmen sollen zeigen, wie russische Soldaten auch Gräben in dem kontaminierten Gebiet ausgehoben haben.

Ukraine-Krieg: Unwissende russische Soldaten in Tschernobyl erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt

Die ukrainische Energiebehörde Energoatom veröffentlichte am Samstag (09.04.2022) erneut ein Statement auf Telegram über eine mögliche radioaktive Verstrahlung von russischen Soldaten. Dies berichtet auch das US-Portal The Daily Beast. In dem Statement heißt es, dass russische Soldaten Computer, Fahrzeuge und anderes Equipment aus Lagern in Tschernobyl entwendet hätten. Dabei seien sie auch, offenbar unbeabsichtigt, in ein Lager eingedrungen, in dem radioaktives Material gelagert worden sei. Dort seien sie einer hohen Strahlendosis ausgesetzt gewesen. Teile dieses Materials seien demnach nicht mehr auffindbar. Eine erhöhte Strahlendosis führe zu Strahlenkrankheit und irreversiblen Prozessen im Körper, so die ukrainische Energiebehörde weiter.

Tschernobyl
Ein Satellitenbild des stillgelegten Atomkraftwerks Tschernobyl, fotografiert am 10. März. © Maxar Technologies/AFP

Zuvor hatte die stellvertretende Ministerpräsidentin der Ukraine, Iryna Wereschtschuk, auf ihren Social-Media-Kanälen geschrieben, dass russische Soldaten eine so hohe Strahlendosis abbekommen hätten, dass sie sich die Konsequenzen von Ärzten in bestimmten Schutzanzügen erklären lassen mussten. Bei den Kämpfen um Tschernobyl zwischen ukrainischen und russischen Truppen sei es laut ukrainischer Seite außerdem zu Waldbränden gekommen. Schon in den vergangenen Jahren kam es zu Waldbränden in dem Sperrgebiet. Kleinere radioaktive Partikel können laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) durch Waldbrände in dem kontaminierten Gebiet über weite Strecken transportiert werden.

Tschernobyl: Russische Soldaten sollen Gräben in kontaminierten Gebieten ausgehoben haben

Auch laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sei durch den Aufenthalt in der Sperrzone von Tschernobyl die Wahrscheinlichkeit groß, dass russische Soldaten sich erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt haben. Unklar ist die Höhe der Strahlung: „Auf Basis der verfügbaren Informationen ist es aus Sicht des BfS aber unwahrscheinlich, dass die Soldaten eine entsprechend hohe Strahlendosis erhalten haben können“, hieß es auf der Website. Die vorliegenden radiologischen Messwerte in dem Gebiet seien im normalen Bereich (Stand: 08.04.2022). Allerdings gebe es in Gebieten, in denen Kampfhandlungen stattgefunden haben, weniger verfügbare Messdaten, so das Bundesamt für Strahlenschutz weiter. Die Behörde weist auch darauf hin, dass sich die Berichte der Kriegsparteien derzeit nicht unabhängig überprüfen lassen. CNN-Reporter Frederik Pleitgen hat in dem kontaminierten Gebiet bereits Hinweise für erhöhte Strahlenwerte gefunden. Laut CNN hätten russische Soldaten durch kontaminierte Erde an Schuhen und Kleidung auch Radioaktivität in den Gebäuden des Atomkraftwerkes verteilt.

Ein stillgelegtes Gebäude in Tschernobyl im April 2021. (Archivbild)
Ein stillgelegtes Gebäude in Tschernobyl im April 2021. (Archivbild) © Genya Savilov/AFP

Ukraine-Krieg: Russische Soldaten seien erhöhter Radioaktivität ausgesetzt gewesen

Balthasar Lindauer von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) sagte der Tagesschau, dass es Hinweise für eine Verstrahlung russischer Soldaten gebe. Offenbar seien die Soldaten ungenügend auf ihren Einsatz und die Gefahren in dem kontaminierten Gebiet vorbereitet worden, so der Experte für Strahlenschutz weiter. Ein Bewohner einer anliegenden Stadt sagte der Nachrichtenagentur Reuters zudem, dass Soldaten aus Russland*, auf die Kontaminierung angesprochen, Unkenntnis darüber gezeigt hätten.

Soldaten hätten aufgrund der aufkommenden Symptome überstürzt das Gebiet verlassen, wie The Daily Beast unter Berufung auf ukrainische Quellen berichtet. Demnach sollen einige dieser Soldaten nun in Belarus behandelt werden. Der russische Präsident Wladimir Putin* und der Kreml in Moskau* behaupten jedoch, dass der Rückzug aus dem Gebiet Teil des mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenkyj* vereinbarten Abzuges sei. Der Kreml hatte verkündet, sich verstärkt auf die Gebiete im Osten der Ukraine* konzentrieren zu wollen. (df) Laut Angaben der ukrainischen Regierung sind außerdem bis zu 170 Mitarbeitende des Kernkraftwerks Tschernobyl von russischen Truppen nach Russland entführt worden.* *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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