Investor-Jubiläum

Zehn Jahre Hasan Ismaik beim TSV 1860: Buchbach statt Barcelona

Große Träume, in Rauch aufgelöst: Der jordanische Investor und Zigarrenfan Hasan Ismaik. 
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Große Träume, in Rauch aufgelöst: Der jordanische Investor und Zigarrenfan Hasan Ismaik. 

Hasan Ismaik ist nun bereits seit zehn Jahren bei den Münchner Löwen. Es ist an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen und zu analysieren, wie die Reise bisher war. 

München – Ruhig ist es geworden um Hasan Ismaik. „Diese Saison hat gezeigt, wozu unser geliebter TSV1860 im Stande ist, wenn alle Gremien, Spieler und Fans an einem Strang ziehen“, ließ der Mehrheitseigner der Löwen diese Woche in seinem Social-Media-Fazit wissen. „Das war immer meine Absicht seit meinem Einstieg im Jahr 2011. Mein großer Wunsch ist es, dass wir auf dieser Basis weitermachen und unsere ganze Kraft in den Sport stecken. Dann steht uns eine große Zukunft bevor, da bin ich mir ziemlich sicher.“

Unverfängliche Zeilen mit dem rhetorischen Willen zur Versöhnung. Zeilen, wie man sie kennt von Hasan Ismaik, seit er seine Sicht der Löwen-Dinge von einer professionellen PR-Agentur verfassen lässt. Und doch haben sich auch vier Worte in den Text geschlichen, die es lohnen, zweimal gelesen zu werden: Große Zukunft . . . ziemlich sicher. Besser lassen sich die zehn Jahre Ismaik beim TSV 1860 nicht zusammenfassen.

Die große blaue Zukunft – sie braut sich im Frühjahr 2011 zusammen, als die zweitklassigen, chronisch defizitären Mieter-Löwen mal wieder vor der Insolvenz stehen und die Stadtsparkasse einer geplanten Bankenlösung nicht zustimmen kann. Präsident Dieter Schneider und Geschäftsführer Robert Schäfer setzen bei einer Pressekonferenz am 18. März eine Hilferuf ab: Bis Ende des Monats, also binnen zwölf Tagen, benötige die1860 KGaA acht Millionen Euro, um die Pleite noch abzuwenden. Schneiders Appell: „Wenn es irgendwo noch irgendwelche Partner gibt, die jetzt erst erfahren, wie es um uns steht und uns helfen wollen, dann sind sie aufgerufen, aus der Deckung zu kommen.“

Für 100 Mio. Euro hätte Ismaik bei AS Rom einsteigen können – das war ihm zu teuer

Tatsächlich beißt nur einer an: Der Münchner Investment-Experte Hamada Iraki, bei der Großbank UniCredit zuständig für Nordafrika und den Mittleren Osten. Ein Jahr zuvor hat Iraki bereits versucht, Käufer für den Pleiteclub AS Rom* zu finden, darunter auch ein gewisser Hasan Ismaik, dem die anteiligen 110 Millionen Euro am Ende allerdings zu viel sind. Mit dem deutschen Zweitligisten TSV 1860, der auf nicht einmal ein Fünftel der Kaufsumme taxiert wird, glaubt Iraki nun das richtige Objekt für Ismaik gefunden zu haben. Bayern*-Präsident Uli Hoeneß, der die UniCredit als Sponsor und Logenkunde im roten Portfolio weiß, preist die Löwen gegenüber Iraki als Traditionsclub mit großem Anhang. Hintergedanke ist selbstredend der Erhalt des Allianz-Arena-Mieters, dessen Aus für den FC Bayern mit erheblichen Folgekosten verbunden wäre.

Im SZ-Podcast „Inside 1860“ hat Hoeneß die Anfänge des Deals kürzlich überraschend offen erzählt: „Hamada Iraki rief mich eines Tages an und sagte: Herr Hoeneß*, ich habe da so einen Investor. Wen muss ich denn bei 1860 ansprechen? Da hab ich ihn an Dieter Schneider vermittelt. Ich habe Schneider gesagt: ‚Da gibt es einen, der will euch Geld zukommen lassen. Macht das mal.’“

So nehmen die Dinge ihren Lauf. Am 30. Mai 2011 steigt Ismaik bei 1860 ein, kauft für 18 Millionen Euro insgesamt 60 Prozent der KGaA-Anteile (davon 49 Prozent stimmberechtigt) – und verkündet eine Woche später große Ziele: „Ich würde mir wünschen, dass wir in zehn Jahren auf einer Stufe mit Barcelona und dem FC Bayern stehen. Aber man muss auch realistisch sein. Um das zu schaffen, müsste alles perfekt laufen.“

TSV 1860 München: Stadionpläne haben sich in Luft aufgelöst 

Perfekt läuft bei den Löwen auch weiterhin wenig. Nach oft unter der Gürtellinie geführten Kompetenz-Schlachten und dem Verschleiß von über zwei Dutzend Präsidenten, Vizepräsidenten, Geschäftsführern, Sportchefs und Trainern, lässt Präsident Peter Cassalette vor der Saison 2016/17 die von Ismaik nie akzeptierte 50+1-Regel der Deutschen Fußball Liga (DFL) mal eben hinten runterfallen und gewährt dem Mehrheitseigner im Verbund mit dem Verwaltungsrat freie Hand bei der Finanz- und Personalpolitik. Das Ergebnis: die apokalyptische Saison 2016/17, die mit einem Minus von knapp 22 Millionen Euro und dem historischen Doppelabstieg in die vierte Liga endet. Ismaiks naive Annahme, die 50+1-Regel würde im Amateurfußball nicht gelten, entpuppt sich als erneute Fehlberatung. Tief gefrustet – immerhin hat er bislang rund 70 Millionen Euro in die Löwen gesteckt – zieht sich der Investor aus der deutschen Öffentlichkeit zurück. Auch in seinem eigentlichen Metier als Bauunternehmer in Abu Dhabi hat er massive Verluste zu beklagen

Die Ironie der Geschichte: Durch den Totalabsturz der Löwen und die folgende Machtübernahme der Grünwalder-Stadion-Aktivisten erfüllt sich ausgerechnet unter Ismaik der Traum der Traditionalisten von der Rückkehr auf Giesings Höhen. Buchbach statt Barcelona heißt die neue Realität, nach einer Saison im Amateurlager sind die Löwen zumindest wieder drittklassig.

Auffällig: In Präsident Robert Reisinger hat Ismaik erstmals ein Gegenüber, das sich mit Kreditbedingungen nicht mehr unter Druck setzen lässt. Devise: Der Investor könne sich nur selbst schaden, eine Insolvenz wäre sein größter Gesichtsverlust.

Das sind die Voraussetzungen, unter denen die Löwen nun leben. Finanziell regiert der kleinste gemeinsame Nenner, Ismaiks diverse Stadionpläne haben sich längst als Luftnummern entpuppt. Der Umbau des Grünwalder Stadions, um mit ein paar Logen Geld verdienen zu können, steht in den Sternen. Ziemlich erfolgsversprechend.

SAISON 2011/2012

Wer große Namen nach Ismaiks Einstieg und Verkündung eines Dreijahresplans erwartet hat, wird schnell enttäuscht. Es kommen die ablösefreien Maxi Nicu, Collin Benjamin, Arne Feick, Dennis Malura, Timo Ochs, JonathanKotzke und im Winter noch Guillermo Vallori. Unter Trainer Reiner Maurer springt am Ende Platz sechs in der 2. Liga heraus – trotz einer Offensivreihe mit Benny Lauth, Stefan Aigner, Daniel Halfar und Kevin Volland. Ismaiks Ankündigungen, sich ein Haus in München zu kaufen und weitere Investments in Deutschland zu tätigen („ein großartiges Land“), folgen keine Taten. Der interne Frieden bei 1860 wird vom Streit um die MerchandisingRechte erschüttert, die sich Ismaik schließlich für eine Million Euro sichert. Ein Vorgeschmack auf den Irrsinn, der bald folgen soll. (lk) 

Endergebnis: Platz 6 in der 2. Liga Präsident: Dieter Schneid

SAISON 2012/2013 Wirbel um Eriksson – und ein Präsidentenopfer 

Die Löwen verstärken sich – zumindest auf dem Papier. Bis auf Moritz Stoppelkamp (für 250 000 aus Hannover) und mit Abstrichen Grzegorz Wojtkowiak erweisen sich allerdings sämtliche Verpflichtungen von Sportchef Florian Hinterberger als Flops. Mitte November wird Maurer entlassen – als Nachfolger übernimmt der bisherige Co-Trainer Alexander Schmidt. Ismaik denkt in ganz anderen Sphären, er will den ehemaligen englischen Nationaltrainer Sven Göran Eriksson. Problem: Der Schwede hat nach tage- und nächtelangen Streits bei 1860, in denen Ismaik Schneider als alten, kranken Mann verunglimpft, keine Lust auf die Giesinger Schlangengrube. Am Ende der Saison ist Sechzig wieder Sechster und verliert seinen Präsidenten Dieter Schneider, der Intrigen im Aufsichtsrat zum Opfer fällt. (lk)

Endergebnis: Platz 6 in der 2. Liga Präsident: Dieter Schneider Trainer: Maurer/Alexander Schmidt

SAISON 2013/2014

Schneiders Nachfolger wird Gerhard Mayrhofer, den Geschäftsführer Robert Schäfer an Land zieht. Mayrhofer, ExVorstand bei O2 und nun als Unternehmensberater tätig, sucht den Schulterschluss mit Ismaik und umgarnt dessen neuen Statthalter Noor Basha, der den entnervt ausgeschiedenen Hamada Iraki beerbt hat. Für Alex Schmidt ist bereits im August Feierabend, abermals erfüllen sich Ismaiks Wünsche nach einem „Autogrammtrainer“ nicht: Hinterberger holt Friedhelm Funkel, dessen Erfahrung als Aufstiegstrainer auch 1860 helfen soll. Trotz des vielversprechenden Winterzugangs Yuya Osako kommen die Löwen nicht entscheidend voran. Der sprunghafte Mayrhofer lässt Funkel feuern, weil dessen Fußball nicht zu seinen Vorstellungen von „Rock ’n’ Roll“ passte. Funkel erklärt später, „für kein Geld der Welt“ hätte er bei 1860 verlängert. Ismaiks inzwischen bekannte Taktik, bis zum letzten Moment mit Finanzzusagen zu warten, um Zugeständnisse zu erzwingen, lähmt 1860. (lk) 

Endergebnis: Platz 7 in der 2. Liga Präsident: Gerhard Mayrhofer Trainer: Schmidt/Funkel/von Ahlen

SAISON 2014/2015 SAISON 2015/2016 Retter Bülow 

Bei der Präsentation von Gerhard Poschner als Sportchef sagte der kaufmännische Geschäftsführer Markus Rejek: „Jedes Pärchen hat einen Stichtag – in unserem Fall könnte das der 25. Mai 2015 werden.“ Anstatt an diesem Tag den angestrebten Aufstieg zu feiern, besiegeln die Poschner-Löwen jedoch am 24. Mai die Teilnahme an der Abstiegs-Relegation. Nur dem Last-Minute-Tor von Kai Bülow gegen Kiel ist es zu verdanken, dass 1860 nicht schon am 2. Juni 2015 ein Drittligist wird. (ulk) 

Endergebnis: Platz 16, anschließend Relegation gegen Kiel Präsident: Gerhard Mayrhofer Trainer: Moniz/von Ahlen/Fröhling

SAISON 2015/2016 Stadion mit Zoo

Poschner wird zur Aufgabe gedrängt, selbst der loyale Franz Hell beteiligt sich an einem Aufstand gegen die spanisch gefärbte Personalpolitik des Wahl-Spaniers (Sanchez, Bedia, Rodri). Viel besser wird es auch mit Oliver Kreuzer nicht. Bei einem FanTreffen in Rudelzhausen fordert Ismaik mal wieder Personalopfer – und träumt vom Bau eines Stadions in Riem mit angeschlossenem LöwenZoo. U 21-Coach Daniel Bierofka springt am Ende ein und rettet die Klasse mit drei Siegen aus drei Spielen. 

(ulk)

Endergebnis: Platz 15 Präsidenten: Mayrhofer/Cassalette Trainer: Fröhling, Benno Möhlmann, Daniel Bierofka, Denis Bushuev

SAISON 2016/2017 To the top? Erst mal geht es in die 4. Liga 

Präsident Peter Cassalette treibt die (anfängliche) Idee sei es Vorgängers Mayrhofer auf die Spitze: Er geht nicht nur auf Ismaik zu, sondern lässt ihm komplett freie Hand, auch bei der Kaderplanung. Folgte die Rückholaktion von Stefan Aigner noch einer Anregung von Cassalette, lässt sich Ismaik ab Winter von externen Beratern eine multikulturelle Truppe aufschwatzen – die der portugiesische Trainer Vitor Pereira „to the top“ führen soll. Ab jetzt wird nicht nur groß gedacht, sondern auch so gehandelt. Nach einem XXLTrainingslager im „Mourinho“-Camp wird Ian Ayre vom FC Liverpool als Sportchef vorgestellt. Der sucht aber bald wieder das Weite – und Ismaiks bunte Auswahl landet in der 4. Liga. (ulk)

Endergebnis: Platz 16, gipfelnd im Relegations-Aus gegen Regensburg Präsident: Cassalette Trainer: Kosta Runjaic, Daniel Bierofka, Vitor Pereira

SAISON 2017/2018 Meistershirts auf der Hotelterrasse

Auf den großen Knall folgt die große Stille. In Saison eins nach dem Doppelabstieg wirkt es, als habe sich Ismaik in Luft aufgelöst. Er murrt ein bisschen, als das Präsidium um Cassalette-Nachfolger Robert Reisinger 50+1 zieht, um Geschäftsführer einzusetzen (erst Fauser, dann Scharold), ansonsten tritt Ismaik erst ganz am Schluss wieder in Erscheinung. Platz 1 in der Regionalliga feiert er auf der Terrasse des Charles-Hotels – und postet ein Foto, das ihn, Bruder Yahya, Cassalette (als Aufsichtsrat zurückgekehrt) und Saki Stimoniaris im Meisterlöwen-Shirt zeigt. (ulk)

Endergebnis: Regionalliga-Meister, Aufstieg in der Relegation gegen den 1. FC Saarbrücken. Präsident: Robert Reisinger Trainer: Daniel Bierofka

SAISON 2018/2019 9:0-Sieg der Ismaik-Gegner

Das „Team Profifußball“, auf das Ismaik setzt, wird gnadenlos abgewatscht: Die Wahl des neuen Verwaltungsrats endet mit einem 9:0-Sieg der Ismaik-Gegner. Sogar das frühere Idol Bernhard Winkler wird ausgebuht. Der Konsolidierungskurs beginnt, nachdem das Präsidium Reisinger ultimativ klarstellt, „Planungen für den Profifußball nur noch mit nachgewiesenen und tatsächlich eingegangenen Mitteln zu führen“. (ulk)

Endergebnis: Platz 12 in der 3. Liga Präsident: Robert Reisinger Trainer: Daniel Bierofka

SAISON 2019/2020 Frust nach Reisinger-Triumph

Die Wiederwahl des InvestorSkeptikers Reisinger kommt nicht gut an bei Ismaik. „In dieser Konstellation wird 1860 nicht mehr höher als Dritte Liga spielen“, kommentiert er auf Facebook: „Das ist eine Tragödie.“ (ulk)

Endergebnis: Platz 8 in der 3. Liga Präsident: Robert Reisinger Trainer: Bierofka, Michael Köllne

SAISON 2020/2021 Fans fliegen auf Ismaik – ein Hauch von Harmonie 

Zweimal wandern die Blicke der Spieler in Windischgarsten zum Himmel. Über ihnen kreist ein Flugzeug, das ein Banner hinter sich herzieht. Der Text zur Luftnummer: „Danke Hasan, you’ll never walk alone“. Wer die Auftraggeber sind? Offiziell meldet sich keiner, doch die Aktion scheint gut anzukommen in Abu Dhabi: Wenige Tage nach dem Trainingslager gibt der Verein bekannt, dass nun doch neue Spieler kommen (Salger, Neudecker und Co.). Premiere: Hauptsponsor „Die „Bayerische“ leistet den Löwen-Anteil der Finanzierung, Ismaik segnet es ab. Die bis kurz vor Schluss erfolgreiche Saison begleitet er mit den üblichen Facebook-Posts, sie klingen zunehmend wie Liebeserklärungen. ulk (ulk)

Endergebnis: Platz 4 in der 3. Liga Präsident: Robert Reisinger Trainer: Michael Köllner

LUDWIG KRAMMER

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