Interview-Serie mit Dieter Märkle und Sebastian Lubojanski

Profis bei 1860 II? „Spieler werden nicht besser, wenn sie nur trainieren“

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Sebastian Lubojanski (li.) und Dieter Märkle sind zwei wichtige Bausteine im Nachwuchsbereich der Löwen.

Die Löwen haben in den vergangenen Jahren etliche Talente zu Profis ausgebildet. In der dreiteiligen Interview-Serie sprechen NLZ-Leiter Märkle und U21-Trainer Lubojanski über die Zukunft des TSV 1860.

Dieter Märkle leitet das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der Löwen. Sebastian Lubojanski ist als U21-Trainer in der Bayernliga einer seiner wichtigsten Mitarbeiter. Ihre Aufgabe: Talente ausbilden und an die Profis heranführen, aber auch unzufriedene Spieler, die bei Daniel Bierofka nicht eingesetzt werden, bei Laune halten.

Im ersten der dreiteiligen Interview-Serie sprechen Märkle und Lubojanski über die kleinen Löwen, den Umgang mit Profis, die im Bayernliga-Team Spielpraxis sammeln und Spitzenreiter SV Türkgücü-Ataspor München. 

Die U21 war einst das Sprungbrett für etliche Junglöwen. Wie gehen Sie mit Spielern um, die bei den Profis nicht zum Zug kommen und in der Bayernliga auflaufen? 

Märkle: Das war in den vergangenen Jahren nicht anders und ist auch bei anderen Vereinen so. Das ist eines der Argumente für eine U21. Die Spieler werden nicht besser, wenn sie nur trainieren. Für einen jungen Spieler gibt es nichts schlimmeres, als keine Spielpraxis zu haben. Für einen älteren Spieler und seinen Marktwert ist es genauso. Dort kann er sich mit regelmäßigen Einsätzen empfehlen.

Die U21 steht nach Anfangsschwierigkeiten inzwischen sehr gut da. Was ist das Erfolgsrezept? 

Lubojanski: Wir hatten beim Kader und in der Vorbereitung erst spät Planungssicherheit. Deshalb hat die Abstimmung zwischen Defensive und Offensive etwas gedauert. Wir hatten nicht das einfachste Auftaktprogramm. Bis der Kader stand und die Spieler sich verstanden haben, war es Ende August.

Wie haben Sie die Probleme gelöst? 

Lubojanski: Zu uns sind Spieler gekommen, die erst fit werden und mit unserer Spielphilosophie zurecht kommen mussten. Die Spiele im oberen Drittel der Liga sind ganz eng. Wir sind stabiler geworden und haben inzwischen mehr Spielanteile und Chancen. Wir sehen eine Entwicklung. Die Jungs können das Tempo besser gehen und sind dominanter. Wir haben aber nach wie vor alle Hände voll zu tun, die Spiele zu gewinnen. Wir sind selbstbewusster und die Mentalität und Athletik stimmt, aber wir sind noch nicht reifer geworden. Die jungen Spieler kämpfen mit kleinen Leistungsschwankungen und es passieren manchmal Fehler.

Märkle: „Der Trainer muss Mediator sein“

Wo lauern noch Gefahren? 

Lubojanski: Die Saison ist lang und läuft schon seit Juli. Die Entwicklung kann nicht ständig nach oben gehen. Wir hatten einen sehr guten September und Oktober, jetzt aber auch wieder Stagnation. Durch die Witterung sind die Plätze nicht ganz so gut. Das ist für unser schnelles Spielsystem mit Flachpässen in hohem Tempo schwieriger. Wir müssen auf dem Boden bleiben, aufmerksam sein und dürfen nicht glauben, dass es immer geradlinig nach oben geht.

Was muss ein guter U21-Trainer haben, Herr Märkle? 

Märkle: Als U21-Trainer muss man eine Mannschaft entwickeln. Es kommen aber auch Spieler aus dem Profikader dazu, die mit ihrer Situation nicht zufrieden sind. Denen kann man trotzdem Spielpraxis geben. Der Trainer muss Mediator sein, obwohl er den Spielern klar sagen muss, was er von ihnen will.

Müssen die älteren Spieler daran erinnert werden? 

Lubojanski: Bei den Leistungsträgern der U21 muss ich manchmal eingreifen, wenn jemand die Zügel schleifen lässt. Bei Profis, die nur zu den Spielen der U21 kommen, ist es schwieriger.

Sind sie manchmal Psychologe für Spieler wie Koussou oder Aufstiegsheld Seferings? 

Lubojanski: Für mich als neuer U21-Trainer ist es ein wichtiger Lernprozess. In der Spielvorbereitung bin ich manchmal Psychologe oder väterlicher Freund und muss Verständnis für die Jungs haben. Sie haben gemischte Gefühle, trotzdem muss ich Bereitschaft und Grundeinstellung einfordern, aber auch ihnen zuhören und über ihre Rolle sprechen. Diese Spieler haben die Reife, ein Spiel zu lesen und eine Schwäche des Gegners auszunutzen. Das war für uns schon ein ganz wertvoller Vorteil.

Einzelgespräche mit Spielern aus dem Profi-Team

Wie meistern Sie diesen Spagat?

Lubojanski: Wenn diese Jungs ihre Leistung abrufen, ist es ein großer Vorteil für beide Seiten. Sie können Spielpraxis auf hohem Niveau sammeln, um näher an die Stammplätze heranzurücken. Diese Herausforderung ist spannend. Der Schlüssel war bisher, mit den Jungs einzeln zu sprechen und auf ein Spiel vorzubereiten.

Wie unterscheiden sich junge von erfahrenen Spielern? 

Lubojanski: Es ist wie bei einer Jugendmannschaft. Die Jungs sind euphorisch, teilweise verspielt und haben an einfachen Dingen im Training große Freude. Sie benehmen sich manchmal wie Kinder. Im Wettkampf ist es genauso. Wenn man von Sieg zu Sieg eilt, werden junge Spieler vielleicht eher etwas nachlässig.

Türkgücü-Ataspor holt immer wieder Spieler von der Konkurrenz. Machen Sie sich Sorgen, dass der Tabellenführer auch bei Sechzig zuschlägt? 

Märkle: Es ist ein freier Markt. Ich schließe es nicht aus. Wir sind dann sicherlich nicht die einzigen, bei denen sie Interesse für gewisse Spieler zeigen werden. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass ein Spieler aus dem engeren Kader der Profis ernsthaft mit dem Gedanken spielt, dorthin zu wechseln. Wenn ein Spieler für andere Vereine interessant wird, ist es eine Auszeichnung unserer Arbeit. Wir möchten niemanden abgeben, sondern die Mannschaft festigen. Wir haben eine sehr junge U21, die sich im Herrenbereich anpassen muss. Die Entwicklung ist gut. Manchmal werden Leistungsträger in der Winterpause gehalten, aber dann klappt der Wechsel am Ende der Saison.

Was zeichnet den Spitzenreiter aus? 

Lubojanski: Ich habe nicht jedes Spiel über 90 Minuten verfolgt. Vom Gesamtpaket war es der stärkste Gegner in der Hinrunde, obwohl wir in den letzten 20 Minuten Möglichkeiten hatten, das 1:1 zu machen. Sie waren glücklich mit dem 1:0-Sieg. Von der Spielanlage, der Reife und der Ballsicherheit war es eine bärenstarke Truppe. Respekt vor der sportlichen Leistung.

Ist der Aufstieg noch zu verhindern? 

Märkle: Sie sind klarer Tabellenführer und haben Spieler, die alle schon höherklassig aktiv waren. Das heißt nicht, dass man automatisch aufsteigt. Sie machen es sportlich gut. Wenn der Verein am Ende aufsteigt, ist es verdient. Das ist ein normaler Wettkampf.

Der 2. Teil des dreiteiligen Interviews folgt am Samstagmorgen um 10 Uhr. 

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