Frankreich holt Titel

Kommentar zur Nations League: Braucht man nicht, tut aber auch nicht weh

Karim Benzema und Kylian Mbappé bejubeln den Sieg Frankreichs in der Nations League.
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Ganz kalt lässt der Titel die Stars dann doch nicht: Hier jubeln die Franzosen Benzema und Mbappé.

Kann sich noch jemand an den ersten Sieger der Nations League erinnern? Eben. Es ist ein Wettbewerb, der die Massen noch nicht begeistert. Tut man ihm Unrecht?

Für „Tatort“-Fans war es ein gebrauchter Sonntagabend. Wer das Wochenende wie gewohnt ausklingen lassen wollte, ob alleine oder bei einer populären TV-Session in der Kneipe, der traute seinen Augen nicht: Statt Thiel und Boerne (Münster) tauchten plötzlich Männer namens Torres und Benzema auf dem Bildschirm auf (Spanien/Frankreich) – und ermittelt wurde auch kein Mord, sondern der Gewinner eines Wettbewerbs, der es weiterhin schwer hat in der Gunst der Öffentlichkeit, selbst in der fußballaffinen.

Der durchschnittliche Marktanteil bei einem „Tatort“ beträgt 25,8 Prozent, beim Finale der Nations League am Sonntag war es nicht mal die Hälfte. Schwach, wenn man bedenkt, dass ja Leute, die sonst um diese Zeit fernsehen, bewusst aus- oder umgeschaltet haben müssen. Zugegeben: Die Finalrunde des 13 Monate zuvor gestarteten Turniers kam etwas plötzlich um die Ecke, nur absolute Sportfreaks hatten sie auf dem Schirm. Aber zum Vergleich: Selbst beim deutschen WM-Quali-Spiel gegen Liechtenstein schalteten Zuschauer in „Tatort“-Dimensionen ein (23 Prozent) – und das will was heißen, wenn man dafür RTL, den Experten Steffen Freund und ungezählte Werbepausen in Kauf nehmen muss.

Wir sind keine Roboter. Sie kümmern sich nicht um die Spieler, sie kümmern sich nur ums Geld.

UEFA-Kritik von Belgiens Nationaltorwart Thibaut Courtois

Also: Was hat sie gebracht, die zweite Auflage der Nations League, die zumindest optisch wie ein echtes großes Finale daherkam (mit bunter Flaggenparade vor dem Anpfiff)? Natürlich wäre es ein Leichtes, wie Belgiens Torwart Courtois einfach auf die UEFA einzuprügeln, die es geschafft hat, einen Wettbewerb ins Leben zu rufen, dessen Modus nicht mal jeder Teilnehmer durchschaut. „Wir sind keine Roboter“, schimpfte Courtois nach dem (unsinnigen) Spiel um Platz 3 gegen Italien, den Gesundheits-Raubbau geißelnd: „Sie kümmern sich nicht um die Spieler, sie kümmern sich nur ums Geld.“

Widersprechen mag man da nicht, aber losgelöst vom Geldaspekt gibt es schon auch Gründe, das neue Format gar nicht sooo schlecht zu finden. Freuen darf man sich vor allem für die kleinen Nationen, die in diesem Konstrukt unter sich bleiben und sich gegenseitig seltene Erfolgserlebnisse ermöglichen. Färöer zum Beispiel, stolzer Sieger der Liga D, Gruppe 1. Es ist ein großes Ding für die kleine Insel, in den sechs Spielen gegen Malta, Lettland und Andorra unbesiegt geblieben zu sein (drei Siege!). Wann hat es im Nordatlantik mal so eine Serie gegeben? Aber auch die großen Nationen wie Belgien sollten nicht nur klagen. Früher im Herbst wurden an diesem Termin Freundschaftsspiele ausgetragen – macht es da nicht mehr Sinn für Courtois, Bälle von Chiesa oder Barella aufs Tor zu bekommen, als sich gegen die Nummer 47 der Weltrangliste einen Schnupfen zu holen?

Fazit: Mit der Nations League verhält es sich wie mit anderem Schnickschnack. Eine Alexa oder ein Netflix-Abo hat auch keiner gebraucht, aber wenn sie nicht mehr da wären, würde man sie vielleicht vermissen. Zumindest bis in Kürze die WM im Zwei-Jahres-Rhythmus kommt.

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