TSV 1860: 10 Jahre Ismaik - eine Bilanz

To the top? Erst mal geht es runter in die 4. Liga...

Investor Hasan Ismaik raucht eine Zigarre.
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Große Träume, in Rauch aufgelöst: Der FC Barcelona war der Maßstab von Hasan Ismaik, bald hießen die Gegner jedoch Buchbach und Schalding-Heining.

Am 30. Mai 2011 wurde die Ehe zwischen der bettelarmen Braut TSV 1860 und dem reichen Unternehmer Hasan Ismaik besiegelt. Turbulente Jahre. Wir blicken zurück.

Saison 2011/2012: Vorgeschmack auf den Irrsinn

Wer große Namen nach Ismaiks Einstieg und Verkündung eines Dreijahresplans erwartet hat, wird schnell enttäuscht. Es kommen die ablösefreien Maxi Nicu, Collin Benjamin, Arne Feick, Dennis Malura, Timo Ochs, Jonathan Kotzke und im Winter noch Guillermo Vallori. Unter Trainer Reiner Maurer springt am Ende Platz sechs in der 2. Liga heraus – trotz einer Offensivreihe mit Benny Lauth, Stefan Aigner, Daniel Halfar und Kevin Volland. Ismaiks Ankündigungen, sich ein Haus in München zu kaufen und weitere Investments in Deutschland zu tätigen („ein großartiges Land“), folgen keine Taten. Der interne Frieden bei 1860 wird vom Streit um die Merchandising-Rechte erschüttert, die sich Ismaik schließlich für eine Million Euro sichert. Ein Vorgeschmack auf den Irrsinn, der bald folgen soll.

Endergebnis: Platz 6 in der 2. Liga

Präsident: Dieter Schneider

Trainer: Reiner Maurer

Saison 2012/2013: Wirbel um Eriksson – und ein erstes Präsidentenopfer

Die Löwen verstärken sich – zumindest auf dem Papier. Bis auf Moritz Stoppelkamp (für 250 000 aus Hannover) und mit Abstrichen Grzegorz Wojtkowiak erweisen sich allerdings sämtliche Verpflichtungen von Sportchef Florian Hinterberger als Flops. Mitte November wird Maurer entlassen – als Nachfolger übernimmt der bisherige Co-Trainer Alexander Schmidt. Ismaik denkt in ganz anderen Sphären, er will den ehemaligen englischen Nationaltrainer Sven Göran Eriksson. Problem: Der Schwede hat nach tage- und nächtelangen Streits bei 1860, in denen Ismaik Schneider als alten, kranken Mann verunglimpft, keine Lust auf die Giesinger Schlangengrube. Am Ende der Saison ist Sechzig wieder Sechster und verliert seinen Präsidenten Dieter Schneider, der Intrigen im Aufsichtsrat zum Opfer fällt.

Endergebnis: Platz 6 in der 2. Liga

Präsident: Dieter Schneider

Trainer: Maurer/Alexander Schmidt

Saison 2013/2014: Rock’n’ Roll-Fan Mayrhofer umgart Ismaik

Schneiders Nachfolger wird Gerhard Mayrhofer, den Geschäftsführer Robert Schäfer an Land zieht. Mayrhofer, Ex-Vorstand bei O2 und nun als Unternehmensberater tätig, sucht den Schulterschluss mit Ismaik und umgarnt dessen neuen Statthalter Noor Basha, der den entnervt ausgeschiedenen Hamada Iraki beerbt hat. Für Alex Schmidt ist bereits im August Feierabend, abermals erfüllen sich Ismaiks Wünsche nach einem „Autogrammtrainer“ nicht: Hinterberger holt Friedhelm Funkel, dessen Erfahrung als Aufstiegstrainer auch 1860 helfen soll. Trotz des vielversprechenden Winterzugangs Yuya Osako kommen die Löwen nicht entscheidend voran. Der sprunghafte Mayrhofer lässt Funkel feuern, weil dessen Fußball nicht zu seinen Vorstellungen von „Rock ’n’ Roll“ passte. Funkel erklärt später, „für kein Geld der Welt“ hätte er bei 1860 verlängert. Ismaiks inzwischen bekannte Taktik, bis zum letzten Moment mit Finanzzusagen zu warten, um Zugeständnisse zu erzwingen, lähmt 1860.

Endergebnis: Platz 7 in der 2. Liga

Präsident: Gerhard Mayrhofer

Trainer: Schmidt/Funkel/von Ahlen

Saison 2014/2015: Retter Bülow

Bei der Präsentation von Gerhard Poschner als Sportchef sagte der kaufmännische Geschäftsführer Markus Rejek: „Jedes Pärchen hat einen Stichtag – in unserem Fall könnte das der 25. Mai 2015 werden.“ Anstatt an diesem Tag den angestrebten Aufstieg zu feiern, besiegeln die Poschner-Löwen jedoch am 24. Mai die Teilnahme an der Abstiegs-Relegation. Nur dem Last-Minute-Tor von Kai Bülow gegen Kiel ist es zu verdanken, dass 1860 nicht schon am 2. Juni 2015 ein Drittligist wird.

Endergebnis: Platz 16 in der 2. Liga, anschließend Relegation gegen Kiel

Präsident: Gerhard Mayrhofer

Trainer: Moniz/von Ahlen/Fröhling

Saison 2015/2016: Neuester Traum: Ein Stadion mit Löwen-Zoo

Poschner wird zur Aufgabe gedrängt, selbst der loyale Franz Hell beteiligt sich an einem Aufstand gegen die spanisch gefärbte Personalpolitik des Wahl-Spaniers (Sanchez, Bedia, Rodri). Viel besser wird es auch mit Oliver Kreuzer nicht. Bei einem Fan-Treffen in Rudelzhausen fordert Ismaik mal wieder Personalopfer – und träumt vom Bau eines Stadions in Riem mit angeschlossenem Löwen-Zoo. U 21-Coach Daniel Bierofka springt am Ende ein und rettet die Klasse mit drei Siegen aus drei Spielen.

Endergebnis: Platz 15 in der 2. Liga

Präsidenten: Mayrhofer/Cassalette

Trainer: Fröhling, Benno Möhlmann, Daniel Bierofka, Denis Bushuev

Saison 2016/2017: To the top? Erst mal geht es runter in die 4. Liga

Präsident Peter Cassalette treibt die (anfängliche) Idee seines Vorgängers Mayrhofer auf die Spitze: Er geht nicht nur auf Ismaik zu, sondern lässt ihm komplett freie Hand, auch bei der Kaderplanung. Folgt die Rückholaktion von Stefan Aigner noch einer Anregung von Cassalette, lässt sich Ismaik ab Winter von externen Beratern eine multikulturelle Truppe aufschwatzen – die der portugiesische Trainer Vitor Pereira „to the top“ führen soll. Ab jetzt wird nicht nur groß gedacht, sondern auch so gehandelt. Nach einem XXL-Trainingslager im „Mourinho“-Camp wird Ian Ayre vom FC Liverpool als Sportchef vorgestellt. Der sucht aber bald wieder das Weite – und Ismaiks bunte Auswahl landet in der 4. Liga.

Endergebnis: Platz 16 in der 2. Liga, gipfelnd im Relegations-Aus gegen Regensburg

Präsident: Cassalette

Trainer: Kosta Runjaic, Daniel Bierofka, Vitor Pereira

Saison 2017/2018: Im Meistershirt auf der Hotelterrasse

Auf den großen Knall folgt die große Stille. In Saison eins nach dem Doppelabstieg wirkt es, als habe sich Ismaik in Luft aufgelöst. Er murrt ein bisschen, als das Präsidium um Cassalette-Nachfolger Robert Reisinger 50+1 zieht, um Geschäftsführer einzusetzen (erst Fauser, dann Scharold), ansonsten tritt Ismaik erst ganz am Schluss wieder in Erscheinung. Platz 1 in der Regionalliga feiert er auf der Terrasse des Charles-Hotels – und postet ein Foto, das ihn, Bruder Yahya, Cassalette (als Aufsichtsrat zurückgekehrt) und Saki Stimoniaris im Meisterlöwen-Shirt zeigt.

Endergebnis: Regionalliga-Meister, Aufstieg in der Relegation gegen den 1. FC Saarbrücken.

Präsident: Robert Reisinger

Trainer: Daniel Bierofka

2018/2019: 9:0-Sieg der Ismaik-Gegner

Das „Team Profifußball“, auf das Ismaik setzt, wird gnadenlos abgewatscht: Die Wahl des neuen Verwaltungsrats endet mit einem 9:0-Sieg der Ismaik-Gegner. Sogar das frühere Idol Bernhard Winkler wird ausgebuht. Der Konsolidierungskurs beginnt, nachdem das Präsidium Reisinger ultimativ klarstellt, „Planungen für den Profifußball nur noch mit nachgewiesenen und tatsächlich eingegangenen Mitteln zu führen“.

Endergebnis: Platz 12 in der 3. Liga

Präsident: Robert Reisinger

Trainer: Daniel Bierofka

2019/2020: Frust nach Reisingers Wiederwahl

Die Wiederwahl des Investor-Skeptikers Reisinger kommt nicht gut an bei Ismaik. „In dieser Konstellation wird 1860 nicht mehr höher als Dritte Liga spielen“, kommentiert er auf Facebook: „Das ist eine Tragödie.“

Endergebnis: Platz 8 in der 3. Liga

Präsident: Robert Reisinger

Trainer: Bierofka, Michael Köllner

Saison 2020/2021: Fans fliegen auf Ismaik – ein Hauch von Harmonie

Zweimal wandern die Blicke der Spieler in Windischgarsten zum Himmel. Über ihnen kreist ein Flugzeug, das ein Banner hinter sich herzieht. Der Text zur Luftnummer: „Danke Hasan, you’ll never walk alone“. Wer die Auftraggeber sind? Offiziell meldet sich keiner, doch die Aktion scheint gut anzukommen in Abu Dhabi: Wenige Tage nach dem Trainingslager gibt der Verein bekannt, dass nun doch neue Spieler kommen (Salger, Neudecker und Co.). Premiere: Hauptsponsor „Die „Bayerische“ leistet den Löwen-Anteil der Finanzierung, Ismaik segnet es ab. Die bis kurz vor Schluss erfolgreiche Saison begleitet er mit den üblichen Facebook-Posts, sie klingen zunehmend wie Liebeserklärungen.

Endergebnis: Platz 4 in der 3. Liga

Präsident: Robert Reisinger

Trainer: Michael Köllner

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