Arabien-Expertin klärt auf

„Absolut die falsche Strategie, sorry!“ - Löwen schlagen die Hand, die sie füttert

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Löwen-Fans schwingen Anti-Ismaik-Flaggen im Stadion. Der jordanische Geldgeber des TSV 1860 ist bei den Fans des Vereins nicht sonderlich beliebt.

Die Fronten zwischen Löwen-Investor Hasan Ismaik und der TSV-1860-Geschäftsführung sind seit Jahren verhärtet. Eine konstruktive Zusammenarbeit findet nicht statt. Eine Arabien-Expertin erklärt, woran es liegt. 

München – Seit nunmehr acht Jahren bilden derTSV 1860 und Hasan Ismaik eine mehr als unglückliche Zweckehe. Meist herrscht Eiszeit zwischen dem Jordanier und dem wechselnden Personal in der Vereinsspitze. Wenn überhaupt Kommunikation stattfindet, dann über Dritte oder Anwälte. Wahlweise eine einseitige über Facebook, Ismaiks bevorzugtes Medium, in dem er attackiert und lamentiert wie in seinem jüngsten Beitrag („Warum wird nie die gravierende Fehlerkette von Herrn Reisinger hinterfragt?“). Was läuft da so gewaltig schief in einer Beziehung, in der beide anfangs große Pläne hatten?

 

Kommunikations-Desaster zwischen Ismaik und den Löwen

Mögliche Antworten kennt Dr. Gabi Kratochwil (51, Köln), Expertin auf dem Gebiet der interkulturellen Kommunikation und Autorin des Bestsellers „Business-Knigge: Arabische Welt“. Wir sprachen mit der promovierten Islamwissenschaftlerin, die Coachings zu diesem Thema gibt und führende Unternehmen berät.

Frau Kratochwil, verfolgen Sie aus der Ferne das Geschehen bei den Löwen, die ja als erster deutscher Profifußballverein einen Investor aus dem arabischen Raum hatten?

Dr. Gabi Kratochwil: Auf jeden Fall verfolge ich das. Der Sport hat ja grundsätzlich etwas Völkerverbindendes, wenn ich das mal so pathetisch sagen darf. Schwierig wird’s halt oft beim Miteinander, weil unterschiedliche Erwartungen aufeinanderprallen, unterschiedliche Arbeitsweisen und Kommunikationsstile.

Sie schreiben, dass eine Kenntnis der arabischen Geschäftskultur ein ebenso wichtiger Erfolgsfaktor ist wie persönliche Beziehungen. Beides haben die Löwen von Anfang an versäumt. Lässt sich so etwas nachträglich reparieren?

Dr. Gabi Kratochwil: Ich glaube schon, dass sich das reparieren lässt. In dem Fall ist es ja so, dass der jordanische Investor ein genuines Interesse hat, sich in so einen Traditionsverein einzukaufen, also hat er auch ein Interesse daran, dass es läuft. Aus seiner Sicht ist das ein Prestigeobjekt, denn die Marke „Deutscher Fußball“ steht in der arabischen Welt sehr weit oben. Ich gehe davon aus, dass er auch ein Stück weit stolz darauf ist, sich bei einem großen deutschen Verein eingekauft zu haben.

„Nicht nachkarten. Einfach:Cut. Reset-Taste“

Zig, salopp ausgedrückt, verschlissene Präsidenten, Sportchefs und Geschäftsführer aufseiten des TSV 1860 zeugen allerdings von enormen, wiederkehrenden Problemen im Umgang mit Abu Dhabi.

Dr. Gabi Kratochwil: Um eine solche Kooperation gut und für beide Seiten erfreulich zu gestalten, ist es sehr wichtig, eine persönliche Beziehungsebene aufzubauen. Dass man auf hierarchisch gleichrangiger Stufe – hier arabischer Investor, dort deutscher Vereinspräsident – einen guten, soliden Kontakt pflegt. Fly-in-fly-out-Geschichten sind in diesem Zusammenhang kontraproduktiv. Die einflussreichen handelnden Personen sollten sich in jedem Fall um eine persönliche Beziehung bemühen, und zwar nachhaltig.

Ist die Ausgangslage – 1860 Bittsteller, Ismaik Geldgeber – nicht von Haus aus zum Scheitern verdammt?

Dr. Gabi Kratochwil: Ich denke, man sollte sich aus Münchner Sicht nicht zu klein machen. Der Geldfluss ist das eine, auf der anderen Seite gibt es aber eine hochwertige Gegenleistung. Man hat ja was zu bieten, nämlich den Traditionsverein 1860. Das ist ein Pfund. Ich glaube nicht, dass das von arabischer Seite so gesehen wird: Wir haben euch gekauft, jetzt können wir über euch bestimmen. Da ist schon eine Augenhöhe gegeben und übrigens auch gefragt.

Die aktuelle Vereinsführung tritt tatsächlich sehr selbstbewusst auf, den Investor mehr oder weniger ignorierend – was der Sache aber auch nicht dient.

Dr. Gabi Kratochwil: Wenn solche Irritationen vorliegen, dann kann man die nur mit einem persönlichen Gespräch ausräumen. Das allerdings müsste von der Vereinsführung gesucht werden. Zu sagen: Er ist zwar der Geldgeber, aber wir machen hier unser eigenes Ding, ist nicht zielführend.

Welche Rolle spielt Macht in der arabischen Welt? Die Löwen haben stets den Eindruck, dass Ismaik sie unterbuttern möchte.

Dr. Gabi Kratochwil: Im arabischen Raum ist es ähnlich wie im asiatischen – da trifft man im Managementbereich vorwiegend Top-Down-Strukturen an. In Köln gibt es das passende Sprichwort: Wer die Musik bestellt, der bestimmt auch, was gespielt wird. So ein einseitiges Gebilde kann aber nicht im Sinne des Investors sein, der sich vor allem als Partner sieht. Wichtig ist aus Sicht der Münchner, diese Top-Down-Rolle erst gar nicht anzunehmen, sondern sie auszuhebeln, indem man sagt: Wir sind wer, wir sind ein Traditionsverein. Wir freuen uns, dass Sie unser Investor sind und an uns glauben. Umgekehrt glauben wir aber auch an Sie als Investor.

Aktuell wirkt es, als wäre Ismaik überrascht, wenn nicht schockiert, wie emanzipiert die e.V.-Seite auftritt . . .

Dr. Gabi Kratochwil: Solange das respektvoll erfolgt, spricht nichts dagegen. Ich glaube grundsätzlich, es wäre wichtig, dass sich beide Seiten zusammensetzen und definieren: Was sind unsere Ziele? Wie können wir gemeinsam den Verein nach vorne bringen? Es klingt, als wären die Fronten ziemlich verhärtet. Als würde die eine Seite sagen: Du musst dich bewegen! Und die andere sagt dann: Nein, du zuerst!

Wie könnte man die Fronten aufweichen?

Dr. Gabi Kratochwil: Eine Möglichkeit wäre, den Investor marketingtechnisch einzubinden. In der arabischen Welt ist Sport aktuell ein sehr großes Thema in der Gesellschaft, einhergehend mit dem Thema Gesundheit. Viele, gerade auch junge Menschen in der Region, leiden unter Adipositas oder Diabetes mellitus II. Warum machen Sie nicht mal ein Sportcamp in Abu Dhabi? Ein Kinder- oder Frauensportprogramm? Lachen Sie nicht, aber Frauen sind gerade sehr auf dem Vormarsch in der arabischen Welt. Ich glaube, dass es in dieser Beziehung sehr viele ungenutzte Potenziale und Chancen gibt. Warum investiert Herr Ismaik denn in 1860? Er will sich damit schmücken, seinen Status erhöhen und zeigen: Seht her, ich habe in eine deutsche Marke investiert. Man kann gemeinsam Visionen entwickeln und muss nicht den Machtkeil ausspielen. Das bringt keiner Seite etwas.

Ein Thema in Ihren Publikationen sind auch die Tücken der interkulturellen Kommunikation. Was bedeutet es, wenn ein Jordanier schreibt: „Wir sehen unter diesen Voraussetzungen keine weitere Gesprächsbasis. Eine vom Verein anvisierte Kapitalerhöhung ist für uns somit endgültig vom Tisch.“ Ist das eine endgültige Abfuhr oder eine Einladung zu Verhandlungen?

Dr. Gabi Kratochwil: Eher Letzteres. Ich werte das als Signal: Kommt auf uns zu, sprecht mit uns! Ich denke, man vergibt sich nichts, mal hinzufliegen und gemeinsam zu erörtern: Wie gestalten wir unsere Zukunft? Araber denken gerne zukunftsorientiert, denken Sie an die vielen nationalen Reformpläne in der Region, die alle das Wort Vision tragen. Deswegen packt man am besten auch ein paar konkrete Ideen und Angebote für gemeinsame Projekte in den Koffer. Die Vereinsführung muss zeigen: Die Kooperation ist uns wichtig – und auch, dass das Kapital erhöht wird. Beleidigt in der Ecke zu sitzen wäre sicher die falsche Strategie.

Am 14. August feiert Ismaik 43. Geburtstag. Würde eine Glückwunschkarte Eindruck machen?

Dr. Gabi Kratochwil: Nicht nur eine Glückwunschkarte. Auch, sofern mit Compliance vereinbar, ein Geschenk. Irgendetwas mit Symbolkraft. Gibt es ein historisches Vereinstrikot, auf dem alle unterschreiben können? So etwas! Mit so einer Geste ließe sich auf jeden Fall die Verbindung schärfen. Nicht nachkarten, was war, sondern einfach: Cut. Reset-Taste. Die Vergangenheit ruhen lassen und gemeinsam in die Zukunft schauen!

Ihr Optimismus in Ehren: Viele in München scheinen eher zu hoffen, dass sich Ismaik zurückzieht. Das Problem: Er will seine Anteile nicht verkaufen – auch nicht in 30 Jahren, wie er schreibt. Aus Angst vor einem Gesichtsverlust unter Seinesgleichen?

Dr. Gabi Kratochwil: Nicht unbedingt. Natürlich könnte er die Anteile verkaufen und sagen: Das war doch kein guter Verein, die haben meine Erwartungen nicht erfüllt, sie spielen immer noch nicht Champions League. Das kann er so hinstellen und wäre dann auch fein raus. Ich glaube aber, dass er an dem Verein hängt. Da steckt mit Sicherheit etwas anderes hinter. Vielleicht wartet er nur auf ein Signal, dass die Deutschen auf ihn zukommen. Und mangelndes Beziehungsmanagement wird im arabischen Raum gerne als persönlicher Affront gewertet.

Auf Ismaik zugehen müssen die Löwen schon deswegen, weil der Verein immer wieder Geld braucht. Spätestens Ende des Jahres ist es wieder so weit, dann muss er Darlehen in Genussscheine umwandeln, um eine DFB-Strafe zu verhindern . . .



Dr. Gabi Kratochwil: Das ist auch so ein Thema: Man sollte die Araber nicht als Geldgeber missverstehen. Ich habe sehr oft von Investoren gehört, dass sie gesagt haben: Wir sind hier nicht nur die Finanziers – wir wollen ernstgenommen werden. Mit unserem Input. Mit unseren Visionen. Zu sagen: Gib uns dein Geld, wir machen was daraus, das führt unweigerlich zu einer Schieflage, die auf arabischer Seite gar nicht gut ankommt. Sie wollen Partner sein, keine Geldgeber. Sie fühlen sich sonst diskreditiert. Diese Karte müsste die Sechziger ausspielen, also nicht nur nett sein, wenn er wieder mit dem Geldköfferchen ankommt.

Reichtum schützt nicht vor Emotionen. Wie sehr trifft es Ismaik, wenn das halbe Stadion singt: „Sch . . . auf den Scheich, sch . . . auf sein Geld...?“

Dr. Gabi Kratochwil: Das kommt natürlich nicht gut. Da muss man als Vereinsführung ein ganz klares Statement gegensetzen. Da ist Krisenkommunikation gefragt, denn das geht gar nicht. Klar: Fans lassen sich schwer kontrollieren, aber als Vereinsführung muss man ganz klar sagen: Wir distanzieren uns davon!

Laut einem e.V.-internen Schriftverkehr gab es die Strategie, Ismaik mittels so genannter „Nadelstiche“ zum Rückzug zu bewegen.

Dr. Gabi Kratochwil: Absolut die falsche Strategie, sorry. Das wird ihn noch viel mehr antreiben zu sagen: Jetzt bleibe ich erst recht und mache ihnen die Hölle heiß! Verzeihen Sie den Vergleich, aber das ist Kindergarten. Nimmst du mir dein Förmchen weg, nehme ich deins – so kann man keine Kooperation gestalten, die für beide Seiten gedeihlich ist.

Ihr Rat, auf den Punkt gebracht, lautet also: Geht aufeinander zu und sprecht miteinander!

Dr. Gabi Kratochwil: Richtig. Es ist doch ganz einfach: Man entwickelt eine gemeinsame Strategie und sieht den Partner als Partner und nicht als Investor – und zwar auf Augenhöhe.

Und das ist auch nach acht Jahren gefühlter Eiszeit möglich?

Dr. Gabi Kratochwil: Das denke ich schon. Wie sagt man so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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Die Löwen kommen auch nach der Wiederwahl von Präsident Robert Reisinger nicht zur Ruhe. Via Facebook meldet sich Hasan Ismaik zu Wort: „Er ist unverfroren“

Der Investor beschert Sechzig die Rückkehr eines Fanlieblings: Timo Gebhart wird wieder das Trikot der Blauen tragen.

Nach der bitteren Niederlage gegen Braunschweig haben die Löwen nun die nächste Chance auf den ersten Saison-Sieg: 1860 spielt am Mittwoch gegen Zwickau - wir berichten im Live-Ticker.

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