Eishockey im Auftrag Ihrer Majestät

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Eine neue Farbe bei der Eishockey-WM: Die Briten um Chefcoach Pete Russell.

Großbritannien ist erster Gegner der Deutschen bei der Eishockey-WM - ein wundersames Land, das schon mal Olympiasieger war, einen unheimlichen Scorer und ein von der NHL gesponserten Club in London hatte.

München– 2017 fand die Eishockey-Weltmeisterschaft in Köln statt, und vor dem Finale wurde es feierlich. Im Deutschen Sport- und Olympiamuseum war eine Feierlichkeit angesetzt: Neuaufnahmen in die Hall of Fame, die Ruhmeshalle des Eishockey-Weltverbands IIHF. Zu Ehren kamen Stars mit großer WM- und NHL-Vita: der Kanadier Joe Sakic, die Finnen Saku Koivu und Teemu Selänne, der Kölsche Jung Uwe Krupp. Und dann war da noch ein kleiner Herr, der sich seiner Herkunft gemäß in Schale geworden hatte: Er trug Kilt. Es war Tony Hand. Schotte, somit Brite. Und die Ikone einer kleinen Szene in einem nicht so bedeutenden Eishockeyland – für das man sich in Deutschland aktuell aber interessiert: Großbritannien ist diesen Samstag (16 Uhr, Sport1) erster Gegner des deutschen Teams bei der WM in der Slowakei.

Von Tony Hand wurden vor zwei Jahren in Köln die besten Szenen eingespielt. Das Publikum schmunzelte, wie der Stürmer noch im Torraum den Torhüter ausspielte, nachdem er zuvor die komplette gegnerische Reihe ausgetanzt hatte. In einem Tempo, das nach internationalen Maßstäben Zeitlupe ist. Doch in der englischen Liga sah das Eishockey eben so aus. Hand hatte Saisons mit 246 Scorerpunkten in 50 Spielen, er spielte bis 2015, da war er schon 47 und nebenbei auch Trainer. Drei Clubs – Sheffield Steelers, Manchester Phoenix, Edinburgh Capitals – vergeben seine Rückennummer nicht mehr und haben ihm den Rang eines Kultspielers verliehen. 2004 steckte ihm die Queen den Orden Member of the British Empire an. Ob sie wusste, wofür?

Einmal hat man Tony Hand in einem aussagekräftigen Vergleich erleben können: 1994 spielte er mit der britischen Nationalmannschaft bei der A-Weltmeisterschaft in Italien mit. Sechs Spiele, kein Tor, kein Assist. Mit 7:44 Toren wurde Great Britain Letzter seiner Vorrundengruppe (mit Deutschland, gegen das man 0:4 verlor, und Österreich, von dem die Briten ein 0:10 eingeschenkt bekamen), das Abstiegsspiel gegen Norwegen ging 2:5 verloren. Großbritannien verschwand wieder aus der A-Gruppe – für 25 Jahre. 1999 bei der B-WM in Dänemark kam es zu einem zweiten Treffen mit den Deutschen. Es endete knapp, 3:2 für Deutschland.

Doch nun tut sich was im britischen Eishockey, es etabliert sich eine Generation nach Hand, der 1986 sogar von den Edmonton Oilers gedraftet worden war, aber nie Lust hatte, sein Revier zu verlassen. Gedraftet wurde voriges Jahr Liam Kirk, 19, er spielt in Kanada, beim berühmten Juniorenteam Peterborough Petes, Verteidiger Ben O’Conor war schon in Schweden und hatte Angebote aus der russischen KHL, und Joseph Lewis, seit 2013 in Deutschland unterwegs (zuletzt Kaufbeuren, davor unter anderem Bad Tölz) ist einer der besten Stürmer in der DEL2. Der Engländer Paul Thompson coacht erfolgreich die Schwenninger Wild Wings in der DEL. In der kommenden Saison der Champions Hockey League wird man zwei britische Clubs zu sehen bekommen: Belfast Giants und Cardiff Devils. Britische Fans haben die CHL bereichert, sie reisen zu den Auswärtsspielen. In Ingolstadt erinnert man sich mit warmem Herzen an eine Donaustrand-Party mit der Anhängerschaft von Braehead Clan, dem Team aus Glasgow. Die Mannschaften können mithalten.

Der Kenntnisstand der Deutschen über ihren ersten Gegner ist dennoch gering. Kapitän Moritz Müller erwartet Großbritannien als „harte Mannschaft, nordamerikanisch geprägt; ich war mit den Kölner Haien mal zu einem Vorbereitungsspiel in England“. DEB-Präsident Franz Reindl ist etwas bange: „Die werden frisch sein, das wird nicht easy.“ Bundestrainer Toni Söderholm warnt: „Man muss vor jedem Gegner in einem Turnier Respekt haben.“

Übrigens hat Großbritannien ja durchaus eine Eishockey-Historie zu bieten. 1936 wurde es in Garmisch-Partenkirchen, unterschätzt von den Kanadiern, Olympiasieger. In den 60er-Jahren existierte eine Profiliga, für die einmal sogar ein komplettes tschechisches Team abgeworben werden sollte, 1973/74 gab es die London Lions, ein Legionärsteam, besetzt mit Kanadiern und Schweden (unter ihnen Ulf Sterner, späterer Trainer von Hedos München). Sie bestritten 72 internationale Freundschaftsspiele. Hinter dem Projekt stand die NHL-Organisation der Detroit Red Wings, um den europäischen Markt für eine Expansion der NHL anzutesten. Spielort war die Wembley Arena. Nach der einen Saison wurde die Sache eingestellt.

Es folgten Jahrzehnte der Eishockey-Ödnis in Großbritannien, in denen das Nationalteam bis hinunter in die D-Gruppe gereicht wurde. Tony Hand war dann wirklich ein Lichtblick.

Quelle: Merkur.de

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