Günter Netzer im Interview

„Heynckes ist das Beste, was ich kenne…“

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Günter Netzer hat für den FC Bayern München eigentlich immer eine Mahnung parat. Nun ist sein Freund Jupp Heynckes Trainer ...

Günter Netzer, ARD-Fußballexperte, äußert sich zum Trainerwechsel beim FC Bayern München . Aus seiner Sympathie für Jupp Heynckes macht er dabei keinen Hehl.

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Kann Hoeneß so aufhören?

Grüß Gott Herr Netzer, was sagen Sie zur Entwicklung beim FC Bayern?

Netzer: Ich habe alles über Klinsmann gesagt. Ich möchte eigentlich nicht zulegen. Das brauche ich nicht. Diese Dinge waren zum geeigneten Zeitpunkt wichtig, aber ich bin kein Mensch, der sich danach auf die Schulter klopft.

Das sollen Sie ja auch nicht. Aber Ihr Freund Heynckes ist neuer Bayern-Trainer. Was halten Sie von der Problemlösung der Bayern-Bosse?

Netzer:  Ich finde, dass sie eine erstklassige Lösung gefunden haben in Anbetracht dessen, wie schwierig so etwas ist. Sie haben eine Notwendigkeit erkannt und mussten handeln. In der Kürze der Zeit eine solche Lösung zu finden, das ist schon verdammt gut.

Das erste Training unter Jupp

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Sind Sie überrascht vom Zeitpunkt?

Netzer:  Weiß ich nicht. Jedenfalls haben sie es erkannt. Und dann eine Lösung zu finden, die so aussieht – da gab es nur schlechtere Lösungen. Das haben sie sehr gut gemacht.

Muss man den Bossen im Nachhinein einen Vorwurf machen wegen der Verpflichtung von Klinsmann?

Netzer:  Nein. In der heutigen Zeit ist es ganz schwierig, erstklassige Trainer zu finden. Auch für den FC Bayern. Sie haben etwas versucht, was sicherlich anders ist als herkömmliche Lösungen. Und die Gesetzmäßigkeiten, die in erster Linie für den FC Bayern gelten, dürfen nie außer Acht gelassen werden.

Hoeneß und Rummenigge haben in den vergangenen Wochen konsequent kein Statement zu Klinsmann abgegeben. War das bereits das größte Alarmzeichen?

Netzer:  Die hatten ja nichts zu sagen. Deswegen mussten sie ruhig sein. Da gab es wahrscheinlich einen Überlegungsprozess.

Sie ahnten wohl, dass das Ganze nicht mehr lange läuft…

Netzer:  Das kann man vermuten, ja.

Jupp ist da!

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Klinsmann weg, Heynckes da. Wieso ist das so toll?

Netzer:  In Anbetracht der Tatsache, der Not, in der man sich befindet, ist das erstklassig. So ad hoc, so schnell eine Entscheidung treffen zu müssen und dann dem Jupp ­Heynckes die Chance zu geben, ihn zu finden und zu überzeugen, das ist spitze.

Was kann denn Ihr ehemaliger Teamkollege in der kurzen Zeit bewegen?

Netzer:  Da kann ein Trainer nicht alles auf den Kopf stellen. Es gab ja Gründe, warum die Chefs etwas ändern wollten. Man erwartet, dass zusätzliche Kräfte frei werden. Dass die Spieler sich daran erinnern, was sie wirklich können, denn sie spielen ja weit unter ihren Möglichkeiten. Dass Wolfsburg ihnen durch die Niederlage in Cottbus jetzt auch noch eine Zusatzchance vermittelt hat… All das könnte dazu führen, dass es ins Laufen kommt. Atmosphärisch könnte der neue Mann was bewirken.

Was zeichnet Heynckes aus?

Netzer:  Zum Ersten ist er charakterlich das Einwandfreieste, was ich kenne. Ich bin mit dem Jupp Heynckes aufgewachsen. Er ist charakterlich das Beste, was ich im Fußball getroffen habe. Ein absoluter Fachmann, der den Fußball in- und auswendig kennt. Der interessiert sich sein ganzes Leben für Fußball und ist über den deutschen und den internationalen Fußball informiert. Also ein Anforderungsprofil, das im Augenblick hundertprozentig zutrifft und wo man sagen muss, dass das richtig ist.

Hoeneß und die Bayern-Trainer

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Glauben Sie, dass die Bayern Klinsmann satt hatten und gegen ihn gespielt haben?

Netzer:  Sollte es das geben, ist es das, was ich am meisten im Fußball verachte. Dass Spieler gegen ihren Trainer spielen, ist das Widerlichste und Abscheulichste, was ich kenne. Das zeigt Charakterlosigkeit und Unprofessionalität. Das ist ein schlechtes menschliches Bild. Und ich bin überzeugt, dass die Bayern-Spieler das nicht gemacht haben. Der Egoismus ist vorrangig. Man will Erfolg. Erst denkt man an sich, dann an den Klub, dann an den Trainer.

Glauben Sie, Bayern wird jetzt erst recht Meister?

Netzer:  Ich habe von Anfang an gesagt, dass sie das werden. Wenn Wolfsburg in Cottbus gewonnen hätte, wäre es gelaufen gewesen. Aber mit dem Restprogramm und dem neuen Schwung ist es sehr gut möglich.

Der nächste Spieltag ist eine Geschichte, die nur der Fußball schreiben kann. ­Heynckes muss gegen seine große Liebe Gladbach ran.

Netzer:  Es kommt für die Gladbacher zum ungünstigsten Zeitpunkt. Es würde kein Mensch verstehen, wenn da was schiefgehen würde. Das wissen auch die Bayern-Spieler.

Der Abgang des Jürgen K.

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Blutet das Heynckes-Herz, ausgerechnet seine Borussia in die zweite Liga zu schießen? Oder spielt das keine Rolle?

Netzer:  Das ist eine Ehrensache. In solchen Fällen muss das Herz außer Funktion gesetzt werden. Mir ist das oft genug passiert mit Gladbach gegen Real Madrid. Neunzig Minuten ist das außer Kraft. Auch für Heynckes. In Gladbach begann alles, da sind die Wurzeln, das war die schönste Zeit. Aber das zählt erst hinterher.

Wen würden Sie zur neuen Saison auf die Bayern-Bank setzen?

Netzer:  Ich hoffe auf eine Lösung, die den Bayern entspricht. Ein gestandener, erfahrener Mann, der im internationalen Fußball gezeigt hat, dass er es kann und die Richtung bei Bayern vorgibt, so dass kein Zweifel mehr aufkommen kann. Erfolg ist wichtig, aber auch die Art und Weise, wie es da hingeht. Bayern hat in dieser Saison nie den Eindruck vermittelt, dass sie versuchen, den Erfolgsweg einzuschlagen. Bei Arsène Wenger beispielsweise ist es nicht so, dass er in letzter Zeit viel gewonnen hätte. Aber wenn ich seine Mannschaft spielen sehe, dann weiß ich, dass er erstklassig ist.

Gibt es überhaupt eine Chance, dass Leute wie Arsène Wenger oder Guus Hiddink in die Bundesliga kommen?

Netzer:  Ich halte das für fast unmöglich. Wenn man solche Voraussetzungen wie die hat und sich alles aussuchen kann, müssen besondere Dinge vorliegen, die Bayern denen bieten kann. Ich denke nicht an Geld, davon haben die genug. Die müssen einen persönlichen Anreiz sehen. Ich habe jetzt keinen parat…

Interview: Mario Volpe

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