Ex-Weltranglisten-Erste Peng Shuai

Drama um verschwundenen Tennis-Star: Verband spricht ernste Drohung aus - deutsches Ass „fordert Antworten“

Peng Shuai wartet auf den Ball während eines Erstrundenmatches im WTA-Turnier von Peking im September 2019
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Chinas Peng Shuai bei den China Open 2019 in Peking: Sorge um den verschwundenen Tennisstar wächst

Im Drama um die verschwundene Tennisspielerin Peng Shuai hat der Damentennisverband WTA mit einem Rückzug aus China gedroht. US-Präsident Joe Biden bringt einen diplomatischen Olympia-Boykott ins Spiel

Washington/Peking/München – Das Polit-Drama um Chinas verschwundenes Tennis-Ass Peng Shuai zieht immer weitere Kreise. Steve Simon, Chef der Spielerinnen-Organisation WTA, drohte in der Nacht zum Freitag im US-Fernsehsender CNN offen mit einem kompletten Rückzug des internationalen Damentennis aus China, falls Peking kein Licht in das Dunkel der Affäre bringe. Die Vorwürfe in Bezug auf Peng seien „größer als das Geschäft“, sagte Simon.

Ebenfalls in der Nacht brachte US-Präsident Joe Biden einen so genannten „diplomatischen Boykott“ der Olympischen Winterspiele im Februar 2022 in Peking ins Spiel. „Das ist etwas, was wir in Betracht ziehen“, sagte Biden vor Journalisten im Weißen Haus. Das Timing dieser Ansage ist sicher kein Zufall und dürfte eine Dynamik auch unter anderen westlichen Staaten auslösen. Ein diplomatischer Boykott bedeutet, dass keine Regierungsvertreter eines Landes zu den Spielen entsandt werden. Die Athletinnen und Athleten betrifft er nicht. Mehrere republikanische Hardliner fordern von Biden aber sogar einen vollständigen Boykott der Peking-Spiele, um gegen die Unterdrückung der muslimischen Minderheit der Uiguren in Xinjiang zu protestieren. Andere Abgeordnete der Republikaner sowie zahlreiche Demokraten plädieren hingegen für einen diplomatischen Boykott. Zu ihnen gehört auch die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi. Auch das EU-Parlament hatte sich im Sommer für einen diplomatischen Boykott ausgesprochen.

Schon wenige Tage nachdem Biden mit Chinas Staatschef Xi Jinping über Dinge wie Ölreserven oder Abrüstung gesprochen hat, drängt sich nun wieder der geopolitische Konflikt in den Vordergrund. China bleibt derweil stumm. Über den Verbleib von Peng Shuai wollte sich Chinas Außenministerium nicht äußern. Anfragen sollten an „zuständige Stellen“ gerichtet werden, sagte ein Sprecher. Die stets überharte Reaktion auf jegliche Kritik an hochrangigen Mitgliedern der Kommunistischen Partei scheint wie immer instinktiv höhere Priorität zu genießen als das internationale Image des Landes. Doch das Schweigen fällt auf: Normalerweise wettert das offizielle China in solchen Fällen stets, es verbitte sich eine „Einmischung in innere Angelegenheiten“. Noch nicht einmal das ist derzeit zu hören.

Nur die WTA wagt es China zu konfrontieren.

Die deutliche Positionierung der WTA ist durchaus bemerkenswert, denn andere Weltsportverbände waren in Sorge um ihr Geschäft immer wieder vor Chinas harter Haltung in Menschenrechtsfragen eingeknickt. Das internationale Olympische Komitee IOC etwa hält sich demonstrativ aus der Politik etwa im Zusammenhang mit Xinjiang heraus. Und der US-amerikanische Basketballverband NBA distanzierte sich 2019 von einem Clubmanager, der sich mit den Protesten in Hongkong solidarisiert hatte.

Die Drohung der WTA hat zudem durchaus Gewicht. China gilt mittlerweile als wichtiger Standort vor allem für das Damen-Tennis. Jedes Jahr – bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie – fanden elf teils hochkaratig besetzte WTA-Turniere statt. 2018 wurde das Saisonabschluss-Turnier der besten acht Spielerinnen des Jahres von 2019 bis 2028 an die chinesische Stadt Shenzhen vergeben und das Preisgeld von 7 Millionen US-Dollar auf 14 Millionen verdoppelt.

Peng Shuai hatte Anfang November in einem Post im sozialen Netzwerk Weibo dem früheren Vize-Ministerpräsidenten Zhang Gaoli sexuelle Nötigung vorgeworfen. Seither ist die 35-Jährige nicht mehr öffentlich gesehen worden und gilt als verschwunden. Chinas Zensur blockiert Suchen nach ihrem Namen oder nach der Frauenbewegung #MeToo im chinesischen Internet. Der Auslandssender CGTN veröffentlichte diese Woche eine angebliche E-Mail Pengs, in der sie sich von ihren eigenen Vorwürfen distanziert. Die WTA und internationale Experten äußerten starke Zweifel an der Echtheit dieser Mail.

Peng Shuai: Weltweite Solidarität mit der verschwundenen Tennisspielerin

Derweil wächst die internationale Solidarität mit der verschwundenen Doppelspezialistin. Nach dem japanischen Tennisstar Naomi Osaka meldete sich nun auch Kollegin Serena Williams zu Wort. „Ich bin am Boden zerstört und schockiert“, schreibt Williams auf Twitter. „Ich hoffe, sie ist sicher und wird so schnell wie möglich gefunden. Dies muss untersucht werden, und wir dürfen nicht schweigen.“ Auch die ehemalige deutsche Profi-Spielerin Julia Görges zeigte sich besorgt: „Wir leben in einer Welt, in der Opfer nicht zum Schweigen gebracht werden sollten“, schrieb sie. „Ich stehe mit der gesamten Tennis-Community bei der Aussage, wir wollen Antworten!“ Ob der Druck aus dem Ausland in China etwas bewegen wird, ist ungewiss. (ck, mit Material von dpa und AFP)

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