„Uns stehen schwierige Zeiten bevor“

Corona-Wahnsinn in deutschem Nachbarland gerade noch abgewendet - was man daraus lernen könnte

Volle Krankenhäuser, Rekord-Infektionszahlen und ein zweiter Lockdown: Belgien hatte es die letzten Monate besonders hart getroffen. Doch nun scheint das Schlimmste überwunden. Was wir von ihnen lernen können.

  • Belgien verzeichnete im Oktober einen Höchstwert von fast 24.000 Corona*-Neuinfektionen an einem Tag.
  • Anfang November folgte der Lockdown.
  • Mittlerweile haben sich die Zahlen stabilisiert, besonders eine Maßnahme hat dazu beigetragen.

Brüssel - Der „Tsunami“ und Kontrollverlust scheinen überwunden. Belgien zählte in der zweiten Welle* zu den am stärksten von der Corona*-Pandemie betroffenen Ländern. Am Höchststand Ende Oktober verzeichnete das Land eine tägliche Infektionszahl von 23.921 Menschen am Tag. Zahlen wie in Deutschland aktuell. Doch Belgien hat im Vergleich zu Deutschlands 80 Millionen Einwohnern lediglich knapp 11,5 Millionen Einwohner. Das Land stand vor dem Kollaps und das Gesundheitssystem war überfordert. Der Gesundheitsminister warnte vor einem „Tsunami“.

Corona in Belgien: Notbremse und Lockdown - Können wir von unseren Nachbarn lernen?

Und dann? Die Regierung zog die Notbremse: Lockdown. Geschäfte mussten schließen, Supermärkte durften nur noch Produkte des täglichen Gebrauchs anbieten, die Herbstferien wurden verlängert, die Schließung von Kneipen, Restaurants und Cafés sowie nächtliche Ausgangssperren galten bereits.zuvor. „Wir hätten früher reagieren müssen“, sagt der Belger Virologe van
Gucht nun. Doch es sei schwer gewesen die Bevölkerung von der Dringlichkeit eines Lockdowns zu überzeugen.

Eine Maßnahme, die unter anderem zur Eindämmung der Pandemie in Belgien beitrug, waren die sogenannten „Kuschelkontakte“. Was süß klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Jeder Bürger sollte nur noch einen festen Kontakt haben. Aktuell liegen die Infektionszahlen in Belgien nur noch um die 3.200 Infektionen am Tag (Stand: 21.11). Das Land scheint die Kehrtwende geschafft zu haben. Von 23.00 zurück zu 3.000 Infektionen.

Können wir Deutschen also von unseren Nachbarn lernen? Am Mittwoch will die Bundesregierung ebenfalls über neue Maßnahmen beraten. Die „Ein-Freund-Regel“ steht bei einigen deutschen Politikern jedoch scharf in der Kritik. SPD-Abgeordnete Dreyer bezeichnete sie als „lebensfremd“. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier zeigte sich zuletzt beeindruckt von den Erfolgen Belgiens, aber auch Frankreichs und der Niederlande. Den Rückgang der Infektionszahlen führte er aber auch „auf die große Disziplin der Bürgerinnen und Bürger in diesen Ländern“ zurück.

Corona in Belgien: Ist die Pandemie wirklich überwunden? - Virologe mahnt - Appell auch an Deutschland gerichtet

Hat Belgien die komplette Kehrtwende als geschafft? Ein harmloser Winter steht dem Nachbarland dennoch nicht bevor. Virologe van Gucht warnt - auch in Richtung Deutschland. „Ich verstehe, dass die Menschen sich nach einem schwierigen Jahr entspannen möchten.“ Eine vorschnelle Lockerung der Kontaktbeschränkungen über Weihnachten und Neujahr berge jedoch die Gefahr einer dritten Welle. Menschen, die sich über das Weihnachtsfest* infizierten, könnten wiederum andere an Silvester mit dem Virus anstecken. Auch Skiurlaub steht der Virologe eher kritisch gegenüber. „Sich treffen, küssen, tanzen“: Das sei der ideale Nährboden für die Verbreitung eines Virus*, zeigen auch Erfahrungen mit dem Grippevirus.

Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Nicht in Deutschland und nicht in Belgien. Das Gesundheitssystem in Belgien steht weiterhin unter hoher Belastung. „Ich glaube, uns stehen schwierige Zeiten bevor“, meint auch eine Krankenschwester, die selbst auf einer Corona-Station arbeitet. Das Krankenpflegepersonal sei „ermüdet“, und dadurch anfälliger für Erkrankungen. Während er Hochphase mussten in Belgien Krankenpfleger trotz Corona-Infektion* zum Dienst antreten. Auch viele Unternehmen stehen vor dem Konkurs. „Diese Pandemie fühlt sich selbst für einen Virologen surreal an“, so van Gucht. (chd mit dpa)

Rubriklistenbild: ©  Ophelie Delarouzee/BELGA/dpa

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