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RS-Virus: Mutter mit apathischem Baby allein auf der Autobahn – „Es war der reinste Horror“

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Von: Kathrin Reikowski

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Das RS-Virus grassiert unter Kleinkindern, Kliniken müssen wegen Personalmangel Kinder mit Atemnot abweisen. Der Kinderschutzbund fordert ein finanzielles Notprogramm.

Duisburg/Berlin - „Er bekam hohes Fieber, japste nach Luft und schrie nur noch“, erzählt eine Mutter gegenüber Bild.de. Ihr acht Wochen alter Sohn infizierte sich mit dem RS-Virus und wurde von einer Ärztin direkt an die Klinik verwiesen. Doch im Oberhauser Krankenhaus sei die Mutter direkt abgewiesen worden, weil es keine freien Betten mehr gab. Die Mutter blieb, wartete, bis eine Schwester ein freies Intensivbett in einer Duisburger Klinik fand. „Ich habe nur noch funktioniert“, sagt sie.

„Ich bin mit meinem apathischen Kind allein im Auto ins andere Krankenhaus gefahren. Ich fuhr auf der Autobahn mit der einen Hand am Lenkrad, die andere Hand auf der Brust meines Babys“, erzählt die Mutter. Sie hat Glück, Oberhausen und Duisburg liegen nur 15 Minuten auseinander. Ihr Sohn bekam dort die rettende High-Flow-Therapie und lag sechs Tage auf der Intensivstation. „Es war der reinste Horror. Er lag auf dem Bauch und wurde beatmet. Wie die Covid-Patienten damals.“ Wegen einer Welle an Atemwegsinfekten sind viele Kinderkliniken gerade überfüllt, wie auch im vergangenen Corona-Herbst. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) sprach bereits von einer „katastrophalen Lage“ auf den Kinder-Intensivstationen.

Deutscher Kinderschutzbund - Präsident ist „wirklich entsetzt, dass man es so weit hat kommen lassen“

An Schläuche angeschlossenes Baby in Krankenhaus.
RS-Virus-Patient auf Kinder-Intensivstation in Stuttgart © picture alliance/dpa/Marijan Murat

 „Ich bin wirklich entsetzt, dass man es so weit hat kommen lassen“, sagt der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Das ist ein Gefühl völliger Ohnmacht. Der Mangel in der Kinderpflege ist sehr dramatisch.“ Ein Hamburger Oberarzt hatte gewarnt, dass Kinder wegen RSV sterben, weil sie nicht versorgt werden könnten.

Die aktuelle Krise ist nach Hilgers Ansicht das Ergebnis einer „jahrzehntelangen Vernachlässigung“ durch die Politik. Aufgrund eines Mangels an Fachkräften könne sie „kurzfristig nicht bewältigt werden“. Hilgers zufolge wird seit Jahren vor einer solchen Überlastung in Kliniken und Arztpraxen gewarnt. Leider seien keine Verbesserungen angegangen worden „wegen der ausschließlich betriebswirtschaftlichen Orientierung des Systems, das auf Vollauslastung ausgelegt ist“.

RSV: Lauterbach will Maßnahmen zur Verlegung von Personal und empfiehlt Eltern, Kinderarztpraxen zu entlasten

Um der Krise etwas entgegenzusetzen, soll Pflegepersonal aus Erwachsenen- in Kinderstationen verlegt werden. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) forderte die Krankenkassen auf, Vorgaben zur Personalbesetzung vorerst nicht zu prüfen und Sanktionen auszusetzen. Zudem appellierte er an Eltern und Kinderärzte, nicht unmittelbar nötige Vorsorgeuntersuchungen zu verschieben. Am Freitag hatte der Bundestag ein Gesetzespaket zu Krankenhäusern beschlossen, das mehr Geld für Kinderkliniken und Entlastungen bei dringend benötigten Pflegekräften bringen soll. Für Kinderkliniken soll es 2023 und 2024 jeweils 300 Millionen Euro zusätzlich geben.

Wie tagesschau.de berichtet, spielt Corona in der derzeitigen Lage auf den Intensivstationen nur noch eine untergeordnete Rolle. Inzwischen mache der Anteil der Corona-Patienten auf den Intensivstationen weniger als fünf Prozent aus, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx. „Es ist kein Vergleich zur Situation vor einem Jahr.“ Etwa 2000 Betten seien deutschlandweit abgebaut worden, vor allem, weil Klinikpersonal die Arbeitszeiten aufgrund der Dauerbelastung durch die Pandemie reduziert habe. (dpa/kat)

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