Schlechtes Energiemanagement schuld?

Chinas Stromkrise weitet sich aus und wird zur Gefahr für die Wirtschaft

Arbeiter an einem 220-Volt-Hochspannungsmast in China
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Arbeiter an einem Hochspannungsmast: In China wird vielerorts der Strom abgestellt.

In China weitet sich die Stromkrise auf immer mehr Provinzen aus. Abschaltungen, Rationierungen und Stromausfälle sind laut Experten vor allem dem schlechten Energie-Management im Land geschuldet.

Peking/München — Die Schlagzeilen in China* über die Rationierung von Strom, Produktionsstopps oder Stromausfälle reißen nicht ab. 20 Provinzen haben seit Mitte August immer wieder den Strom rationiert — auch in den Industrieprovinzen Guangdong, Zhejiang und Jiangsu, die zusammen fast ein Drittel der chinesischen Wirtschaftsleistung generieren. In mehreren Regionen Chinas mussten vor allem energieintensive Fabriken immer wieder tagelang die Produktion unterbrechen. Privathaushalte werden gewarnt, dass die Stromversorgung instabil sein könne. Entlang der Küste fiel mehrfach der Strom einfach aus.

Für die Stromkrise gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind die Rohstoffpreise für Kohle stark gestiegen — während die staatlich kontrollierten Strompreise für Industrie und Verbraucher stagnieren. Vor allem Privatleute zahlen extrem wenig für ihren Strom. Manche Kraftwerke sind unter diesen Bedingungen nicht mehr bereit Strom zu erzeugen, weil es schlicht nicht wirtschaftlich ist. Der zweite Grund sind Pekings Klimaziele, die von vielen Provinzen nicht erreicht werden. Nun macht Peking Druck, so dass die Provinzen nun auf einmal besonders viel Strom sparen müssen — und ihn deshalb rationieren. Dabei gibt es die zentralen Stromsparziele schon seit sechs Jahren, mit klaren Regeln. Es hielten sich nur zu viele nicht daran.

Vielerorts kommen mehrere Faktoren zusammen. In Guangdong etwa traf die Stromknappheit auf eine Hitzewelle: Die Menschen stellten ihre Klimaanlagen höher und verbrauchen noch mehr Strom als sonst. In der Nordostprovinz Liaoning wurde die bestehende Knappheit dann noch durch einen plötzlichen Ausfall eingeplanter Windenergie verschärft. Im ganzen Nordosten wurde daher sogar auch für Privathaushalte der Strom abgestellt.

China: Hektische Maßnahmen in der Stromkrise

Angesichts der Krise treffen nun alle quer durchs Land hektische Notmaßnahmen. Am Mittwoch rief Peking die Provinzen hastig dazu auf, die Versorgung von Kraftwerken mit Kohle erst einmal zu sichern. Es müsse garantiert werden, dass der Brennstoff im Falle eines Mangels rechtzeitig an die Kraftwerke gelange. Ausgerechnet Kohle, deren Anteil am Strommix Peking eigentlich senken will. Kohle ist derzeit knapp in China, und es gibt bereits Berichte, dass Lokalpolitiker um den knappen Rohstoff für ihre Kommune kämpfen müssen.

Manche Provinzen erhöhten daher im Eilverfahren die lokalen Strompreise. So soll der Strom für Industriebetriebe in der Produktionshochburg Guangdong* ab Freitag zu Spitzenzeiten 25 Prozent teurer werden. Eigentlich dürfen die lokalen Strompreise der Provinzen in Chinas noch immer teils planwirtschaftlich reguliertem System nur um zehn Prozent nach oben oder unten vom zentral festgelegten Strompreis abweichen. Viele Provinzen haben das Maximum allerdings schon ausgereizt. Manche Netzbetreiber riefen Anwohner und Firmen zum freiwilligen Stromsparen auf. In der Provinz Hunan etwa empfahl der Netzbetreiber Beschränkungen für nicht-essentielle Dinge — etwa Leuchtreklamen — damit es keine Rationierungen für die Industrie geben müsse.

China: Energiewende erfordert besseres Management

Kritiker der Energiewende gaben der Unbeständigkeit erneuerbarer Energien die Schuld an dem plötzlichen Strommangel. „Es gibt viele Stimmen, manche sind gegen die Klimaneutralität“, sagte Chai Qimin vom Klimawandel-Institut des Umweltministeriums am Mittwoch bei einer Konferenz. Gutes Management beim Übergang zur Klimaneutralität sei daher ein zentrales Thema.

Daran hapert es noch. Seit 2016 verlangt Peking, dass die Provinzen ihren Energieverbrauch deckeln und die Energie-Intensität der Wirtschaftsleistung senken. Als viele Provinzen Ende 2020 merkten, dass sie die Ziele aus dem Fünfjahresplan 2016-2020 nicht schafften, setzten sie auch damals schon auf Stromabschaltung. Das Problem: Peking erlaubt seit einiger Zeit den Provinzen, energie-intensive Projekte selbst zu genehmigen — was zu einer Flut von Genehmigungen für Kohlekraftwerke und andere Projekte führte, die die Zentrale jetzt am liebsten wieder stoppen will. „Einige Beamte auf lokaler Ebene waren sich der Bedeutung der Dekarbonisierung für die Wirtschaft nicht bewusst oder wollten einfach nur diese energieintensiven Projekte bauen, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln“, zitierte die South China Morning Post einen Experten eines regierungsnahen Forschungsinstituts, der nicht genannt werden wollte. 

Jetzt, während der Erholung nach der Pandemie, wurde produziert, genehmigt und gefördert, was das Zeug hielt. China war nach Angaben der Denkfabrik Ember Climate im ersten Halbjahr 2021 für 90 Prozent des globalen Anstiegs der Stromnachfrage verantwortlich. Peking wird also in den Provinzen eingreifen müssen, um den unerwünschten Kohle-Ausbau zu stoppen und das lokale Energie-Management zu verbessern — durch Strukturreformen und mehr Effizienz. 

China: Firmen und Bürger leiden wegen Managementfehlern unter Strommangel

Diese Unfähigkeit lokaler Kader im Umgang mit den langfristigen Sparzielen müssen nun Bürger und Unternehmen ausbaden. Die Stimmung unter den Firmen verdunkelt sich bereits, wie ein wichtiger Einkaufsmanagerindex Ende September zeigte. In Jiangsu mussten Stahlwerke schließen, in Zhejiang 160 energie-intensive Fabriken etwa im Textilsektor. In der nordostchinesischen Provinz Liaoning mussten 14 Städte den Strom wegen der hohen Kohlepreise rationieren. In der dortigen Provinzhauptstadt Shenyang waren ganze Stadtteile phasenweise ohne Strom. Videos zeigen dunkle Ausfallstraßen ohne Beleuchtung. Ein junger Mann erzählt, dass er ohne Fahrstuhl fünf bis sechs Minuten braucht, um zu seiner Wohnung im 23. Stock hinaufzusteigen. “Erhöht meinetwegen die Strompreise, aber bitte stellt den Strom nicht einfach ab!” ruft eine Ladenbesitzerin im Halbdunkel. 

Ähnlich sieht das die Amerikanische Handelskammer (AmCham), deren Mitglieder mit ihren komplizierten internationalen Lieferketten teils schwer betroffen sind: Besser höhere Preise als Blackouts. Zulieferer von Tesla und Apple mussten ihre Produktion unterbrechen*. Viele Firmen seien dabei, mit lokalen Behörden über die oft sehr kurzfristig angekündigten Stromstopps zu verhandeln, sagte der Shanghaier AmCham-Präsident Ker Gibbs der South China Morning Post.

Der Verband internationaler Petrochemie-Unternehmen AICM forderte ein sofortiges Ende der unkoordinierten Abschaltungen: „Ohne rechtliche Grundlage kommen lokale Behörden auf unsere Mitgliedsfirmen zu und verlangen, dass die Unternehmen sofort ihren Energieverbrauch drosseln, ohne Rücksicht auf Verluste der hoch investierten Firmen.“ Diese Aufforderungen hätten kein System; sie “variieren sogar zwischen einzelnen Industrieparks oder einzelnen Firmen innerhalb einer einzigen Provinz.” Die AICM unterstütze Chinas Klimaziele, wolle aber eine transparente rechtliche Regelung. Chai vom Umweltministerium kündigte an, dass ein Klimagesetz demnächst auf den Weg gebracht werde. Für die aktuelle Stromkrise dürfte das aber zu spät kommen.

China: Wirtschaftlicher Schaden durch Stromkrise befürchtet

Auch die Analysten der Bank BNP Paribas sehen die Stromkrise hauptsächlich als Management-Problem. Wenn China auf den Stromsparzielen bestehe, könnten dem Wachstum Chinas bis zu zwei Prozentpunkte abhanden kommen, schrieb BNP Paribas am Mittwoch in einer kurzen Studie. Es gebe aber Anzeichen, dass die Zentralregierung den Regionen zähneknirschend etwas Flexibilität einräumen werde - auch wenn sie dann ihre Klimaziele für 2021 im Energiebereich verfehle. Die Stromknappheit werde voraussichtlich bis zum Frühjahr 2022 anhalten, glaubt BNP Paribas. 

Andere Analysten erwarten, dass die Stromkrise gar größere Folgen für die Wirtschaft haben wird als das Drama rund um den verschuldeten Immobilienkonzern Evergrande*. „Die Evergrande-Krise entwickelt sich schon seit geraumer Zeit, und ich denke, dass die Risiken gezielt entschärft werden“, sagte der Hedgefondsmanager Yuan Yuwei von Water Wisdom Asset Management. Die Stromausfälle würden hingegen das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage stören. Das wiederum wirke sich direkt auf den Konsum und die Realwirtschaft* aus. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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