Er äußert Bedenken

Verdi-Chef Frank Bsirske im Interview: Bindung an Tarifverträge bröckelt

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Verdi-Chef Frank Bsirske

Verdi-Chef Frank Bsirske sieht bedenkliche Erosionen in der Tarifbindung in Deutschland. Im Interview erklärt er seine Bedenken.

Der Einzelhandel ist im Umbruch, und die Gewerkschaft Verdi kämpft für allgemeinverbindliche Tarifverträge. Doch diese durchzusetzen ist gar nicht so einfach. Die HNA sprach mit Verdi-Chef Frank Bsirske vor seinem Besuch in Hessen.

Herr Bsirske, Verdi streitet mit Edeka Hessenring und auch mit Amazon seit Jahren um Tarife. Verliert Verdi im Einzelhandel an Boden? 

Frank Bsirske: Wir stehen gerade im Handel seit Längerem einer sehr bedenklichen Erosion der Tarifbindung gegenüber. Gelernte Verkäuferinnen verdienen 1900 bis 2600 Euro brutto in Vollzeit. Keinen Tarifvertrag zu haben, bedeutet für viele Beschäftigte, zehn oder 20 Prozent weniger Lohn zu bekommen. Edeka Hessenring zahlt in einigen Bereichen noch zehn Prozent weniger als den Tariflohn. Viele Kolleginnen und Kollegen haben aber nur einen Teilzeit-Arbeitsvertrag.

Und Amazon? 

Bsirske: Bei Amazon reden wir über einen Konzern, der sich auf den Weg zum globalen Monopol gemacht hat und enorm finanzstark ist. Wir können heute in vielen Amazon-Lägern aus dem Betrieb heraus die Arbeit niederlegen und wieder aufnehmen. Das zeigt Wirkung. Dennoch brauchen wir für diesen Konflikt einen langen Atem, den wir aber auch haben.

Handelsketten wie Edeka und Rewe arbeiten mit selbstständigen Kaufleuten zusammen. Kommt der Einsatz von Verdi für eine Tarifbindung bei deren Beschäftigten an? 

Bsirske: In den Läden der selbstständigen Kaufleute nur zum Teil. Um so wichtiger ist eine allgemeinverbindliche Regelung für die gesamte Branche, damit der Wettbewerbsdruck nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Denn auf niedrige Löhne folgen niedrige Renten.

Wie hoch sind die Hürden, um einen Tarifvertrag als allgemeinverbindlich zu erklären? 

Bsirske: Seit 2014 kann ein Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklärt werden, wenn ein öffentliches Interesse daran besteht. Das ist bei einer Erosion der Tarifbindung der Fall. Aber die Tarifbindung ist trotzdem nicht gestiegen. Denn der Antrag auf Allgemeinverbindlichkeit braucht eine Mehrheit im Tarifausschuss, auch wenn er von den Tarifparteien einer Branche gemeinsam gestellt wurde. Die anderen Arbeitgeberverbände lösen mit ihren Gegenstimmen aber oft ein Patt aus. Es spricht viel dafür, die Regelung umzukehren. Dann wäre eine Mehrheit im Tarifausschuss nötig, um eine gemeinsame Initiative der Tarifparteien abzulehnen.

Verdi verliert seit Jahren Mitglieder. Was setzen Sie dem entgegen? 

Bsirske: Das ist eine ambivalente Entwicklung. Wir werden in diesem Jahr 120.000 bis 122.000 neue Mitglieder gewinnen. Zeigen Sie mir eine andere Organisation, der das gelingt.

Und wie viele sind Verdi von der Fahne gegangen? 

Bsirske: Voraussichtlich ein paar mehr. Wir haben es zum Teil in Branchen mit starkem Arbeitsplatzabbau zu tun. Die Jahrgänge, die in den 1960er- und 1970er-Jahren zur Gewerkschaft gestoßen sind, steuern auf die Rente zu. Mit dem 63. Lebensjahr steigt bei vielen die Bereitschaft zum Gewerkschaftsaustritt. Zudem arbeiten wir in sehr kleinteiligen Dienstleistungsbranchen. Diesen Herausforderungen müssen wir uns stellen.

Wie wollen Sie junge Beschäftigte gewinnen? 

Bsirske: Wir müssen attraktiv für junge Menschen sein. Verdi hat jetzt zum Beispiel in Universitätskliniken und Krankenhäusern einen Tarifvertrag für schulisch-betriebliche Auszubildende gemacht, die bisher keine Ausbildungsvergütung bekamen, etwa Physiotherapeuten oder medizinisch-technische Assistenten. Sie bekamen zuvor nur Schülerbafög. Jetzt bekommen sie je nach Lehrjahr zwischen 965 Euro und 1122 Euro im Monat. Es lohnt sich also auch für junge Menschen, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Die Wirtschaft wandelt sich schnell, ein Beispiel ist der Online-Handel. Spielen Gewerkschaft und Unternehmen Hase und Igel? 

Bsirske: Verdi muss sich an die Veränderungen in den Wertschöpfungsprozessen anpassen. Wir sind an vielen Prozessen dicht dran. Beispiel Online-Handel. Wir sehen, wie Zusteller-Firmen mit Solo-Selbstständigen, Subunternehmen und Subsubunternehmen arbeiten. Soziale Mindeststandards werden unterlaufen. Es ist Zeit für eine Nachunternehmerhaftung, wie wir sie in der Fleischwirtschaft durchsetzen konnten. Das würde bedeuten, dass Logistikunternehmen wie etwa Hermes haftbar gemacht würden für das, was an Verletzung von Arbeitnehmerrechten bei ihren Subunternehmern passiert.

Die Konjunkturprognosen für Deutschland werden gerade eingedampft. Stimmen Sie sich für Tarifrunden 2019 auf eine neue Bescheidenheit ein? 

Bsirske: Ich stimme mich darauf ein, dass die Faktoren gestärkt werden müssen, die den Aufschwung tragen. Das sind die Binnennachfrage, der Konsum, gestützt auf die Lohnentwicklung und gestützt auf die gute Beschäftigungsentwicklung. Das sind die Pfunde, mit denen man wuchern muss.

Wer ist Frank Bsirske?

Frank Bsirske (66) wurde im niedersächsischen Helmstedt als Sohn eines Arbeiters und einer Krankenschwester geboren. Nach dem Studium der Politikwissenschaft war er bis 1987 als Bildungssekretär der Sozialistischen Jugend Deutschlands tätig. Er engagierte sich in der Gewerkschaft ÖTV, ab November 2000 war er deren Vorsitzender. Die ÖTV ging auch durch seine Initiative 2001 in der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auf. Im selben Jahr wurde er zum Verdi-Vorsitzenden gewählt. Bsirske ist Parteimitglied bei den Grünen. Er ist verheiratet und lebt in Berlin. Verdi ist mit rund 1,98 Millionen Mitgliedern die zweitgrößte Gewerkschaft Deutschlands nach der IG Metall.

 

Von Barbara Will und Peter Klebe

 

*HNA.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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